Die KI-Kennzeichnung wird alle Probleme lösen - aber nicht, wie gedacht oder geplant
Hot Take - oder ist das überhaupt einer?
Dieser Tage wird ja recht viel über die KI-Kennzeichnungspflicht nach Artikel 50 der EU-KI-Verordnung gesprochen. Der Sinn dahinter ist klar: Der Konsument soll wissen, welche Inhalte von Menschen erstellt wurden und welche von Maschinen. In der Praxis wird die Verordnung aber schnell dazu führen, dass KI als allgegenwärtig, unausweichlich und vor allem unproblematisch in unserem Alltag akzeptiert wird.
Der Grund dafür ist simpel: Je öfter man mit dem Satz "dieser Text/dieses Bild/dieses Video wurde mit Hilfe von KI erstellt" konfrontiert wird, umso mehr verliert er an Wirkung. Man stumpft ab. Bestes Beispiel dafür sind die Cookie-Banner, für deren Einführung die EU ebenfalls gekämpft hat. Inzwischen ist es für quasi alle Internet-Nutzer ein absolut lästiger Reflex, bei diesen Bannern auf "alles erlauben" zu klicken. Niemandes Daten werden dadurch zusätzlich geschützt, weil jeder aus Bequemlickeit einfach ungeprüft alles akzeptiert.
Und genau so wird es auch mit dem KI-Hinweis kommen. Es wird völlig normal sein, dass der irgendwo dran steht und man wird ihn genauso ignorieren wie die Copyright-Angabe bei einer Bildunterschrift. "Foto: Hans Müller/dpa", oder so ähnlich, steht unter jedem Bild einer Nachrichtenmeldung - wirklich wahrnehmen tut es schon seit Jahren niemand mehr. Wie sollte es mit "Bild: KI-generiert" anders laufen?
Zeitgleich wird die Präsenz von KI im Medienkonsum damit so normalisiert, dass sie künftig nicht mehr auffällt. Aktuell sieht jeder sofort, wenn der Dönerstand ein KI-Plakat draußen hängen hat. Aber künftig wird das normal sein und dementsprechend auch nicht mehr auffallen. Genauso bei Videos. KI-Stimmen werden völlig normal sein und niemanden mehr abstoßen, einfach weil man sich dran gewöhnt hat. Und den kleinen Hinweis "mit KI generiert" liest man ja sowieso nicht (mehr).
Bei Texten wird die Gewöhnung/Normalisierung sogar noch viel subtiler passieren, denn die EU hat in ihre KI-Verordnung eine gewaltige Ausnahme eingebaut. In Artikel 50 heißt es:
"Wer ein KI-System einsetzt, das Text generiert oder manipuliert, der zu dem Zweck veröffentlicht wird, die Öffentlichkeit über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse zu informieren, muss offenlegen, dass der Text künstlich generiert oder manipuliert wurde. Diese Verpflichtung gilt nicht, [...] wenn die KI-generierten Inhalte einer menschlichen Überprüfung oder redaktionellen Kontrolle unterzogen wurden und eine natürliche oder juristische Person die redaktionelle Verantwortung für die Veröffentlichung der Inhalte trägt."
Damit muss keine Redaktion einer Nachrichtenseite irgend einen KI-Text offensichtlich kennzeichnen, wenn sie einfach behauptet garantiert, dass alles nochmal von einem echten Redakteur kontrolliert wurde. Der Konsum von KI-generierten Texten wird daher immer weiter zunehmen, ohne dass man es überhaupt merkt. Und dementsprechend auch die Gewöhnung an KI-Formulierungen, Satzbauten oder Stilmittel.
Von daher: Wir werden so viel KI um uns herum haben, dass wir es als völlig normal hinnehmen und selbst wenn wir explizit darauf hingewiesen werden, wird es niemanden mehr interessieren. Erst recht nicht die jüngeren Generationen, die jetzt erst anfangen, Medien zu konsumieren.