Referendariat - so schlimm wars gar nicht
Disclaimer: Mir ist bewusst, dass sich die Situation je nach Bundesland und Schulart auch ganz anders gestalten kann. Meine Erfahrung bezieht sich auf Berufliche Schulen in Baden-Württemberg.
Immer wieder lese ich Artikel oder Post in denen das Referendariat als absolute Hölle oder zumindest unangenehme Erfahrung dargestellt wird. Ich wollte für die kommenden Refis meine (positive) Wahrnehmung der letzten 18 Monate dagegenhalten. Ich habe jetzt die letzten Hürden genommen und muss sagen: so schlimm wie es dargestellt wurde war es gar nicht, im Gegenteil.
Zunächst zum Arbeitspensum: Ich habe ein MINT-Fach studiert und würde sagen, die Arbeitsbelastung war mit dem vergleichbar, was ich aus dem Bachelor kannte, es gibt zwar immer was zu tun, ab und zu muss auch mal ein Samstag herhalten aber im Grunde ist das Ganze gut machbar sofern man sich die Arbeit gut einteilt und jeden Tag zumindest etwas macht.
Planung war besonders im ersten Abschnitt wichtig. An sich ist der Umfang an Unterricht den man halten muss ja sehr überschaubar (1 bis 2 Doppelstunden die Woche). Wichtig war nur frühzeitig, also im Prinzip sobald die Hospitationsphase losging die Termine für die Unterrichtsbesuche festzulegen (Empfehlung 1 für kommende Referendare). Mit Kollegen, Mentoren und Schulleitern kann man natürlich Glück oder Pech haben aber solange man seine Termine organisiert hat läuft der erste Abschnitt relativ entspannt. Bei den Unterrichtsbesuchen schwingt ja die implizite Drohung mit nicht für den eigenständigen Unterricht zugelassen zu werden, mir ist allerdings nur ein Fall bekannt in dem das passiert ist. Bei meinen Unterrichtsbesuchen lief auch nicht alles glatt aber für meine Seminarleiter stand es nie zur Debatte mich nicht eigenständig unterrichten zu lassen.
Sobald ich das Deputat für den zweiten Abschnitt hatte, habe ich direkt angefangen die Kollegen nach Stoffverteilungsplänen zu fragen und bis zum Anfang der Sommerferien bereits meine Stoffverteilung inklusive potentieller Lehrprobenthemen erstellt. (Empfehlung 2) Die Sommerferien habe ich genutzt um die ersten 6 Wochen Unterricht weitgehend vorzubereiten. Dabei habe ich vor Allem auf Wiederverwendbarkeit geachtet, also, dass ich diesen Unterricht jederzeit ohne viel Vorbereitung wieder halten kann (Empfehlung 3).
Die erste Phase des zweiten Abschnitt ging echt schnell vorbei. Bis man alle Klassen kennen gelernt hat, überall mal eine Klassenarbeit geschrieben hat sind schon Herbstferien und dann ist auch bald schon Weihnachten. Insgesamt war das mit der schönste Abschnitt. Endlich mal unterrichten ohne dem Gefühl kontrolliert und beobachtet zu werden.
In den Weihnachtsferien habe ich bereits alle potentiellen Lehrprobenstunden so vorbereitet, als ob es keine Lehrprobe wäre (Empfehlung 4), also ein sauberes Arbeitsblatt mit Lernsituation, Erarbeitung und Übungsaufgaben erstellt. Dementsprechend hatte ich dann während der Lehrprobenphase die Ruhe mich ausschließlich auf die eine Stunde zu konzentrieren, die es dann am Ende auch geworden ist. Und ja, hier muss ich zugeben: Die Lehrproben sind unangenehm, aber nach den Ankündigung sind es halt drei Tage, in denen man sich zusammenreißen muss. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass 99% der Kollegen Verständnis für die Lehrprobensituation haben und gerne nach ihren Möglichkeiten unterstützen. Die anschließenden mündlichen Prüfungen waren mehr als machbar und sind erstmal alle Prüfungen durch ist das Schuljahr auch schon so gut wie vorbei.
Zwei letzte Empfehlungen: Ich habe bereits im Oktober Schulleiter per Mail unaufdringlich angeschrieben und nach der Stellensituation gefragt. In vier von fünf Fällen haben ich relativ bald eine freundliche Antwort bekommen. Eine Schule hat daraufhin eine passende Stelle für mich ausgeschrieben. Keine Ahnung ob das immer klappt aber in meinem Fall hat es sich gelohnt frühzeitig Kontakt mit Schulleitern aufzunehmen.
Und zuletzt: Traut euch an die Beruflichen Schulen liebe Gymnasiallehrer! Ich hatte dieses Jahr überhaupt nichts mit Eltern zu tun, 8 meiner 10 Klassen sind völlig handzahm und voller erwachsener Schüler mit denen man auf Augenhöhe reden kann. Meiner Meinung nach bringt die Berufliche Schule fast nur Vorteile.
Insgesamt hatte ich 18 wirklich tolle Monate mit überwiegend positiven Erfahrungen. Ein Deputat mit 12 Stunden war wirklich machbar und nach den Prüfungen konnte ich viel freie Zeit genießen. Das wird kommendes Schuljahr sicher anders.
Vielleicht können wir diesen Post mal nutzen um ein Gegengewicht zu den sonst eher negativen Berichten zu bilden. Falls ihr genau wie ich auch ein tolles Referendariat haben durftet, teilt gerne eure Erfahrungen.