Mayday einer baldigen PFK in Ausbildung - erbitte Aufklärung!
Ihr Lieben,
bitte entschuldigt den langen Text, aber ich hab nun echt schon einige Posts gesehen, die mir langsam richtig Angst machen, und ich würde euch sehr gern um ehrliche Meinung bitten - auch gern möglichst verschiedene, bloß wenn ihr‘s inhaltlich argumentieren würdet, wäre das super.
Ich beginne in einer Woche die Pflege-Ausbildung im Seniorenheim. Der Ausbildungsverantwortliche der Berufsschule hat mich initial hart irritiert, denn er sagte mir, ich wirke auf ihn sehr akademisch, und würde ins Profil der Leute passen, die weit im zweiten Lehrjahr plötzlich „aus intellektueller Frustration“ abbrächen. Ich habe ihm gesagt, dass ich mich zwar geschmeichelt fühle, aber ich bin nun im Vorfeld meiner Bewerbung 2,5 Jahre als studentische Assistenzkraft durch die Medizin gestolpert, und beherrsche bloß u.a. deshalb Bodyplethysmographien oder Venenplethysmographien, weil gelernte PFKs so geduldig waren, mir alles so lange zu erklären, bis ich wusste, was ich da tat. Wenn er also meine „medizinische Vorbildung beeindruckend“ findet, dann läge das ganz gewiss nicht an meinem Kunststudium, sondern an den PFKs. In diesem Sinne könne ich auch „intellektuell“ absolut nicht nachvollziehen, weshalb sich die Pflege inklusive ihm selbst immer wieder selbst unterstellt, in keinem intellektuell fordernden Beruf zu arbeiten. In anderen, auch europäischen Ländern wird der Stand der Pflege als eigenes Berufsfeld anerkannt. Nicht einfach plump unter der Ärzteschaft, sondern neben ihnen. Der Ausbildungsleiter wollte das offensichtlich hören, denn er hat plötzlich breit gegrinst und meinte da sehen Sie, und deshalb weiß ich genau, wo ich Sie hinschicke, denn ich kenne da einen Praxisträger, dessen Praxisanleitung ihren Job so ernst nimmt, wie Sie gerade klingen. Ich glaube, da kriegen Sie Ihren Wissenszuwachs.
Bei besagter Praxisanleitung hatte ich mein Vorgespräch, aber man hatte meine Bewerbung vergessen kurzfristig weiterzuleiten - also habe ich alles nochmal alles runtergerattert, warum ich nach dem Studium jetzt gern in die Pflege will, und habe alle meine Stationen benannt um zu zeigen, dass ich wirklich genug Zeit hatte, mit mir zu klären, ob ich das ernsthaft will. Bin nämlich noch nicht alt, aber jung bin ich auch nicht mehr; hatte das Gefühl, argumentieren zu müssen, warum der harte Wechsel von der Freien Kunst in die Pflege. Ich hatte an einem fürchterlichen Ort in der ambulanten Pflege gearbeitet, wo wirklich alles schief ging, was hätte schiefgehen können- und will’s halt trotzdem noch machen. Sie sagte mir dann sowas wie ach herrje, aber bei dieser Vorbildung sollten Sie doch ins Krankenhaus, ich habe Sorge, dass wir Sie hier intellektuell unterfordern. Im Krankenhaus lernen Sie fachlich mehr.
Ich habe - wahrheitsgemäß und nach bestem Wissen - argumentiert, dass man mir diesen Ort empfohlen habe, weil die Praxisanleitung ihren Job ernst nähme. Dass mir die Zustände in den Krankenhäusern unserer Region als Patientin richtiggehend Angst macht, und gern Gelegenheit hätte, (halbwegs) in Ruhe in den Job hineinzuwachsen. Dass ich gerne alles lernen will, aber dass ich erfahrungsgemäß absolut gar nichts lerne, wenn ich unter permanentem Zeitdruck stehe und die Dynamik im Team nicht stimmt. Vielleicht trifft es zu, dass ich mir gern meine Sporen irgendwann im Krankenhaus verdienen will, aber für die Dauer meiner Ausbildung reicht es mir vollkommen, mir die Arbeit im Krankenhaus für eine absehbar begrenzte Zeit zu Gemüte zu führen, bevor ich mich reinstürze. Abschließend habe ich argumentiert, dass ich die Arbeit mit älteren Semestern großartig finde, weil ich finde, dass man von unseren Altvordern eine ganze Menge über‘s Leben und Sterben lernt, als ich es mir „intellektuell“ in irgendeinem Lehrbuch anlesen könnte. Ich hätte gerne ein bisschen Zeit, mich mit den Menschen zu befassen, anstatt ständig von A nach B zu hetzten und Oma Erna zu erklären, dass ich nicht die Zeit habe zu hören, warum sie Opa Gerhardt nach 60 Ehejahren vermisst. Ich finde Oma Erna nämlich null pathetisch, wenn sie vor lauter Sehnsucht in Tränen ausbricht. Ich spüre nur dann leichtes Genervtsein, wenn Pats derart respektlos mit mir reden, dass ich Kleinkindern im Sinne meiner Sorgfaltspflicht und dem Grundsatz des Nicht-Schadens die Öhrchen dabei zuhalten müsste.
Ich war dort zur Probearbeit. Das Seniorenheim ist personell so gut aufgestellt, dass sich die Azubis offenkundig ein bisschen gelangweilt haben, aber es ist ihnen explizit erlaubt, die Zeit zum Lernen zu nutzen, und da stehen auch extra Bücher und Lernkarten für sie. Eine Azubine saß die ganze Zeit am PC der Chefin und hat für ihre Abschlussprüfung in einer Woche gelernt. Und in meiner ganzen Zeit in der ambulanten Pflege habe ich niemals männliche Kollegen erlebt, die derart respektvoll und würdig mit den Körpern alter Damen umgegangen wären, wie die Kollegen, die ich da in meiner Einrichtung bezeugen durfte. Im Unterschied zur ambulanten Pflege verliefen Übergaben extrem respektvoll, und als man mir nach der Probearbeit sagte, dass ich meinen Ausbildungsvertrag mitnehmen und es mir überlegen darf, hab ich aus voller Überzeugung unterschrieben. Ich habe mich wirklich gefreut, auch über Sätze wie „solange wir nicht kollektiv Durchfall kriegen, hebst du hier bitte niemanden wirklich niemals alleine aus dem Bett, du holst immer einen von uns, und wenn wir doch alle Durchfall kriegen sollten, steht hier alle paar Meter ein Hilfslift - es bringt uns allen gar nichts, wenn du dir schon während der Ausbildung deine Gesundheit kaputt machst“.
Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mich völlig absurd finden, aber es ist mir eine Ehre, alte Menschen waschen zu dürfen. Meine eigene Oma würde nämlich lieber sterben, als irgendwem derart zu vertrauen. Im Ernst, ich mache mir Sorgen was passiert, wenn sie jemals Hilfe braucht. Meine vermeintlicher „Intellekt“ ist kein vermeintlich akademisches Denken (und selbst wenn, holy shit!), sondern korreliert mit einer Mutter, die mich im Alter von 5 Jahren vermutlich verprügelt hätte, wenn ich es jemals gewagt hätte, Kraftausdrücke zu verwenden; wenn ich heute in Gesprächen mit Vorgesetzten also sehr akademisch klinge, dann nicht wegen meines Studiums, sondern weil meine Wortwahl einmal gefühlt überlebensnotwendig war. Ich habe mich von Herzen gefreut, den Ausbildungsplatz im Allgemeinen und eben ganz konkret an diesem Ort zu erhalten. Weil es eben wie ein Ort wirkt, der sich den Negativkonsequenzen unseres desolaten Gesundheitssystems so weit zu entziehen versucht, wie es nur irgend geht.
Nun aber zerfressen mich permanente Zweifel, weil ich fast überall lese, wie schlecht die Generalistik sei. Wie wenig man in Seniorenheimen lerne und wie schreiend inkompetent generalistische Azubis aus dem Seniorenheim zum Examen dürfen.
Ich weiß aber ganz genau, dass es einmal Menschen gab, die einmal ganz explizit die Ausbildung rein in der Altenpflege gewählt haben. Und ich will nicht glauben, dass alle ihre Wahl nachträglich beschissen finden. Ich bin mir bewusst, dass ich viel Eigenverantwortung mitbringen muss, um zB Anatomie und Pharmakologie auf passablem Niveau zu beherrschen.
Aber ist es wirklich unmöglich, als verlässliche und halbwegs kompetente generalistische PFK aus den Examen hervorzugehen, wenn mein Haupteinsatzort im Seniorenheim liegt? Was muss ich konkret tun, um nicht aktiv zum qualitativen Verfall der Pflege beizutragen, sondern Mehrwert stiften zu können?
Trifft es wirklich zu, am Ende nichtmal zu wissen wie man einen Zugang legt und nach der Ausbildung grundsätzlich niemals in einem KH anfangen zu dürfen, weil nur zum Bewerbungsgespräch geladen wird, wer auch im KH gelernt hat?
die ambulante Pflege und meine Zeit als studentische Assistenz in der Allgemeinmedizin war teamdynamisch echt die Hölle, aber das hat mich nicht darin gehindert, meinen Traumjob in der Pflege zu verorten, denn Pneumologie, Phlebologie und Dermatlogie waren hingegen echt phantastisch.
Ist es denn wirklich so naiv, sich auf die Ausbildung im Seniorenheim zu freuen, und muss ich mich nun wirklich auf 3 Jahre Hölle einstellen?
Danke erstmal, für‘s Lesen. Irgendwie komme ich mir extrem weltfremd vor, mich überhaupt zu freuen. Aber ist es dann denn immer und zwangsläufig?