NPS-Diagnose erst Jahre später erfahren - ist das in der Psychoanalyse üblich?
Ich frage mich gerade, ob das im psychodynamischen bzw. psychoanalytischen Kontext teilweise eine bewusste Herangehensweise ist, weil dort ja doch etwas anders mit Diagnosen gearbeitet wird.
Ich bin mittlerweile im 8. Jahr meiner Therapie. Angefangen habe ich wegen einer Essstörung, das erste Jahr tiefenpsychologisch fundiert zur Stabilisierung, seitdem Psychoanalyse.
Vor einigen Jahren meinte mein Therapeut einmal, dass ein bestimmter Gedanke bzw. ein Verhalten von mir etwas narzisstisch sei. Damit konnte ich damals überhaupt nichts anfangen und habe es einfach ignoriert. Irgendwann fragte er mich auch, ob ich mit dem psychodynamischen Verständnis von Schizoidie etwas anfangen könne. Da ich von der Beschreibung her sehr ergriffen war, habe ich mich dann für ein paar Monate ziemlich versteift. Rückblickend weiß ich heute, dass das auch meine Grandiosität angesprochen hat, weil ich diese Diagnose irgendwie als etwas Besonderes angesehen habe lol.
Vor etwa zwei oder drei Jahren habe ich dann eher zufällig meine eigentliche Diagnose, NPS, erfahren. Ich war zunächst ziemlich sprachlos und schockiert, konnte mich damit überhaupt nicht identifizieren und hatte auch große Schwierigkeiten, mit meinem Therapeuten darüber zu sprechen.
Mit der Zeit kamen meine Gedanken aber immer wieder darauf zurück und ich habe mich der Frage langsam angenähert. Wirklich akzeptiert und anerkannt habe ich die Diagnose erst dieses Jahr. Davor liefen bei mir offenbar ziemlich viele automatische Schutzmechanismen ab: Abwertung meines Therapeuten, innerer Abstand zur Diagnose, Informationen darüber wieder „vergessen“, Schwierigkeiten, mich überhaupt ernsthaft damit auseinanderzusetzen; es immer wieder zu hinterfragen usw.
Seitdem ich sie wirklich akzeptiert habe, hat es allerdings mehr oder weniger Klick gemacht. Ich kann mein eigenes Erleben und Verhalten inzwischen häufig mit etwas Abstand betrachten und bestimmte Dinge viel besser einordnen. Für mich persönlich war das Wissen um die Diagnose deshalb im Nachhinein ziemlich hilfreich. Es fühlt sich sogar so an, als hätte ich in den letzten paar Monaten riesige Fortschritte gemacht - gerade im Vergleich zu all den Jahren davor, in denen es mir eher wie ein Vorankommen im Schneckentempo vorkam, mit vielen Rückschritten und Umwegen.
In der letzten Sitzung habe ich meinen Therapeuten gefragt, warum wir nicht schon früher explizit darüber gesprochen haben. Ein Teil von mir will es nicht verstehen und macht ihn nun dafür verantwortlich. Ich hatte selbst schon die Vermutung geäußert, dass es wahrscheinlich wenig gebracht hätte, weil ich damals einfach noch nicht so weit gewesen wäre. Er meinte einerseits, dass er in der Therapie den Menschen sieht und nicht die Diagnose. Andererseits kennt er natürlich auch die ganzen Fehlinformationen und extrem negativen Darstellungen von NPS, die man überall findet, und meinte sinngemäß, dass die eigentliche Grundthematik hinter der Störung sehr viel trauriger sei, als sie üblicherweise dargestellt wird.
Ich weiß noch nicht ganz, wie ich das einordnen soll. Deshalb würde mich besonders die Perspektive von Therapeut:innen interessieren, die selbst psychodynamisch arbeiten und vielleicht auch Menschen mit NPS behandeln:
Ist es in diesem Kontext üblich, eine Diagnose nicht unbedingt früh oder ausdrücklich mitzuteilen? Wird teilweise bewusst abgewartet, bis die Person damit überhaupt etwas anfangen kann? Und wie entscheidet ihr, wann eine diagnostische Einordnung für die Therapie hilfreich ist und wann sie eher hinderlich sein könnte?
Dankeschön im Voraus!
PS: Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass in den Jahren davor natürlich trotzdem schon sehr viel passiert ist und sich vieles verändert hat. Mit „Schneckentempo“ meine ich nicht, dass die Therapie bis dahin nichts gebracht hätte - eher, dass sich der Prozess für mich sehr langsam, mit vielen Rückschritten und Umwegen angefühlt hat. Die letzten Monate fühlen sich im Vergleich dazu eher so an, als hätten sich plötzlich viele Puzzleteile zusammengefügt.