Absturz
20.12.2013
Ich schenke mir noch ein Glas des billigen Tetrapackweins ein, und mit jedem Schluck findet auch das Gefühl von Zugehörigkeit den Weg in meine Blutbahn.
Niemand in diesem Raum weiß wer ich bin, was ich fühle, oder durch welche Umstände ich hier gelandet bin. Wenn ich ehrlich bin weiß ich wohl noch weniger über die Leute hier, aber das zählt gerade nicht.
Ich habe irgendwo in der letzten Ecke meines Verstandes habe ich zwar eine genaue Vorstellung davon was echte Freundschaft bedeutet, wonach ich wirklich auf der Suche bin.
Aber mit jedem Schluck rückt der Wunsch nach einer tiefen zwischenmenschlichen Verbindung weiter in den Hintergrund. Er wird aufgefressen von etwas viel größerem, viel drängenderem.
Ich will leben. Ich will Dinge fühle, alles auf einmal. Ich will jemand sein, ich will mich in das Gedächtnis von jeder Person der ich begegne brennen. Ich will gesehen und gehört werden. Ich will endlich diese verdammte alte Version von mir ertränken, und sie irgendwo tief in der Erde vergraben. Diese abscheuliche, bemitleidenswerte kleine Version meiner selbst, die übersehen und unbedeutend in der Ecke sitzt und in ihren Gedanken versinkt. Ich muss soweit weg von ihr laufen, dass sie nie mehr, unter keinen Umständen den Weg zurück zu mir findet.
Also nehme ich noch einen großen Schluck von der brennenden, säuerlichen Flüssigkeit.
Für einen kurzen Moment versucht mein Körper sich dagegen zu wehren, und ich spüre wie der Würgereflex das Gift nicht in meinen Hals lassen möchte. Tränen schießen mir in die Augen, aber ich darf mir nichts davon anmerken lassen.
Um meinem Körper zu beweisen dass ich immer noch das letzte Wort habe, kippe ich gleich einen noch größeren Schluck hinterher. Diesmal werfe ich dabei in einer theatralischen Bewegung meinen Kopf so tief in den Nacken, dass es aussieht, als würde ich mich der puren Euphorie des Moments hingeben.
Tatsächlich fühlt sich aber mein Magen mittlerweile unangenehm überfüllt an, meine Sicht wird langsam undeutlich und es fällt mir schwer irgendeinem Gespräch zu folgen, weil rechts und links von mir über völlig unterschiedliche Belanglosigkeiten diskutiert wird.
Die einzig logische Lösung für dieses Unbehagen ist noch mehr Betäubung, und um den Vorgang zu beschleunigen greife ich als nächstes zur halb leeren Eristoff Vodka Flasche, und setzte sie an meine Lippen.
Als der beißend scharfe Geschmack mich mit einer unerwarteten Härte trifft, spüre ich wie das ätzende Gesöff in Zeitlupe meine Speiseröhre hinab kriecht. Kurz zeigt sich mein Körper wieder kampflustig, und diesmal schaffe ich es nicht, ein würgen zu unterdrücken. Der Speichel läuft mir im Mund zusammen, und für einen Moment habe ich das Gefühl, in diesem stickigen Raum keine Luft zu bekommen. Als mir die Kontrolle zu entgleiten droht drücke ich mir mit dem Nagel meines Daumens in das Nagelbett meines kleinen Fingers, so fest es geht. Der Schmerz holt mich wieder zurück in die Wirklichkeit.
Der vorhandene Rest meines Bewusstseins registriert, dass ich nicht präsent genug im Gespräch der anderen bin, und das Gefühl der Unsicherheit drängt sich mit der Galle aus meinem Magen wieder an die Oberfläche. Links von mir unterhält sich Leyla mit einem Jungen, ich glaube sein Name ist Marco, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Er muss auf jeden Fall ein paar Jahre älter als wir sein, denn über seinen Unterarm und einen Teil des Handrückens erstreckt sich ein großflächiges Tattoo, das zumindest auf den ersten Blick so aussieht als wäre es professionell gestochen worden. Die tätowierte Hand rutscht langsam immer weiter an ihrem Oberschenkel hoch, während er seinen anderen Arm um sie gelegt hat, und sie so immer näher an sich zieht. Im Augenwinkel erkenne ich wie seine Blicke ihr die Kleider vom Leib reißen, und ein stumpfer Schmerz durchfährt mich dabei.
Wenn ich sehe wie meine Freundinnen von Männern begehrt werden, fühlt es sich an als würde ich innerlich in Flammen stehen. Mir ist durchaus bewusst dass es ihnen dabei meistens nur um den Körper des Mädchens geht, den sie sich durch gezielt eingesetzte Aufmerksamkeiten anzueignen versuchen. Mir ist auch klar dass die Leidenschaft in ihren Augen schnell verblasst, nachdem sie ihre Beute mit nach Hause genommen, und ihre Lust in ihr entladen haben. Aber die Tatsche dass ich es nicht einmal schaffe als Objekt der triebgesteuerten Begierde von ihnen wahrgenommen zu werden bring mich regelmäßig an den Rand der Verzweiflung.
Ich hasse es dem Beweis dafür geliefert zu bekommen, dass ich nun mal nicht so aussehe wie sie, egal wie sehr ich es versuche. Ich hasse Layla dafür dass sie alles ist was ich nie sein werde, aber ich hasse mich selbst noch mehr.
Am Nebentisch werden gerade Shots serviert, und ich wittere eine perfekte Gelegenheit um diesen unangenehmen Strudel aus Gedanken zu durchbrechen, bevor er endgültig von mir Bestitz ergreift. An diesem Punkt des Abends hat sich mein Schamgefühl schon vollständig verabschiedet, andernfalls wäre es mir viel zu unangenehm mit schnellen Handbewegungen zwei der fremden Getränke an mich zu reißen, und sie ohne zögern hintereinander in meinen Rachen zu kippen.
Den empörten Protest der rechtmäßigen Besitzer nehme ich nur noch durch einen gedämpften Schleier war, denn mit einem Schlag spüre ich wie mein geschundener Körper kapituliert. Plötzlich gibt es keine Diskussion mehr, ich muss mich übergeben. Jetzt. Meine Beine werden weich, aber mit letzter Kraft zwinge ich sie mich in Richtung der Toilette zu transportieren. Als sich das rauschen in meinem Ohren ausbreitet, nehme ich die Musik und die Stimmen der anderen nicht mehr wahr. Nichts existiert mehr, außer der brennende Schmerz in meinem Magen, und der Geschmack von Säure in meinem Mund. Mehr stolpernd als laufend remple ich zwei Mädchen an die sich auf der Toilette unterhalten, bevor ich in der Kabine kollabiere. Danach wird es Schwarz um mich.