Wird GLP-1 jetzt endlich normal oder irgendwann zu normal?

Ich bin gerade über einen Artikel zur neuen Wegovy-Tablette gestolpert und musste direkt daran denken, wie sehr allein die Form eines Medikaments beeinflusst, wie wir darüber reden.

Bei „Abnehmspritze“ haben viele sofort dieses Bild von etwas Extremem oder von „Cheating“ im Kopf. Eine Tablette, wie sie DoktorABC oder Zawa inzwischen anbieten, klingt dagegen plötzlich ziemlich normal. Halt wie etwas, das man morgens einfach zu seinen anderen Medikamenten nimmt.

Einerseits finde ich das irgendwo gut. Adipositas wird schließlich auch nicht weniger zur Erkrankung, nur weil sie mit einer Tablette behandelt wird! Andererseits frage ich mich schon, ob dadurch die Hemmschwelle so weit sinkt, dass GLP-1 irgendwann für jeden interessant wird, der einfach ein paar Kilo verlieren will.

Mich würde echt interessieren, wie ihr das seht: Hilft die Tablette dabei, GLP-1 endlich als normale Behandlung zu sehen, oder wird Abnehmen damit irgendwann zu schnell medikalisiert?

Und für die, die selbst Mounjaro/Wegovy nehmen: Würdet ihr überhaupt auf eine tägliche Tablette wechseln oder ist euch die wöchentliche Spritze lieber?

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u/Radiant-Judgment-664 — 2 days ago

Welche historische „Tatsache“ habt ihr jahrelang geglaubt, bis ihr erfahren habt, dass sie so gar nicht stimmt?

Ich meine nicht irgendeine falsche Jahreszahl, sondern Sachen, die einem in der Schule, in Dokus oder Büchern wirklich als Fakt vermittelt wurden und die historisch entweder falsch, stark überholt oder viel komplizierter sind.

Bei manchen dieser „Allgemeinwissen“-Fakten ist es ja erstaunlich, wie hartnäckig sie sich halten, selbst wenn die Forschung längst weiter ist.

Was war bei euch so ein Moment, bei dem ihr dachtet: Moment, das wurde mir komplett anders beigebracht?

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u/Radiant-Judgment-664 — 2 days ago

Wie oft baut große Philosophie eigentlich auf fachlich falschen Voraussetzungen auf?

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Philosophie und in letzter Zeit deutlich intensiver mit Judentum, jüdischen Quellen und Judaistik. Dabei ist mir etwas aufgefallen, das zunächst wie ein recht spezielles Problem deutsch-jüdischer Philosophie wirkte, mich inzwischen aber viel grundsätzlicher beschäftigt: Wie oft übernehmen wir fachfremde Tatsachenbehauptungen berühmter Philosophen, ohne zu überprüfen, ob sie überhaupt stimmen?

Mein Fehler war nie, Arendt, Buber oder anderen ihre philosophischen Argumente einfach zu glauben. Hinterfragen gehört schließlich zum Geschäft. Was ich ihnen aber lange unterstellt habe, war wissenschaftliche Sorgfalt dort, wo sie überprüfbare Behauptungen über andere Fachgebiete aufstellen.

Gerade beim Judentum bin ich damit inzwischen vorsichtiger.

Hannah Arendt schreibt etwa in The Human Condition, Jesus habe die Rolle der Vergebung im menschlichen Zusammenleben „entdeckt“. Religionsgeschichtlich ist das nicht haltbar. Zwischenmenschliche Vergebung als zentrales Thema findet sich bereits in älteren jüdischen Quellen, etwa in Genesis 50 und sehr ausdrücklich in Mischna Yoma 8,9.

Noch eindeutiger: Arendt schreibt, die Evangelien hätten ihre Botschaft mit „A child has been born unto us“ verkündet. Der Satz stammt nicht aus den Evangelien, sondern aus Jesaja 9,6. Das ist keine originelle Interpretation, sondern schlicht eine falsche Quellenzuordnung.

Bei Martin Buber zeigt sich das Problem anders. Seine einflussreiche Darstellung des Chassidismus liest diesen stark durch seine eigene (?!) Dialogphilosophie und drängt dessen kabbalistischen Hintergrund teilweise zurück. Gershom Scholem kritisierte genau diese Verzerrung. Buber bearbeitete chassidische Erzählungen zudem bewusst literarisch, um ihren vermeintlichen „Geist“ sichtbar zu machen.

Und genau hier wird aus meinem ursprünglichen Judaistik-Problem für mich ein allgemeineres philosophisches Problem:

Wir prüfen Argumentationsgänge bis ins Detail. Aber wie oft prüfen wir die historischen, theologischen oder naturwissenschaftlichen Prämissen, die ein Philosoph einfach mitliefert?

Jemand behauptet etwas über Judentum, Christentum, Antike, Evolution oder Neurowissenschaft. Diese Behauptung wird Teil eines philosophischen Arguments, und anschließend diskutieren Generationen über dessen Konsequenzen. Nur die unscheinbare Frage bleibt manchmal liegen: War die Ausgangsbehauptung überhaupt wahr?

Philosophische Autorität ist eben keine fachwissenschaftliche Autorität. Ein Gedanke kann brillant sein und trotzdem auf schlechtem historischen oder theologischen Material beruhen. Der Name Arendt auf dem Buchdeckel macht eine falsche Bibelstelle nicht tiefer.

Vielleicht sollten wir philosophische Klassiker deshalb häufiger auch von außen gegenlesen: nicht nur fragen, ob ein Argument logisch oder philosophisch überzeugt, sondern ob seine fachfremden Voraussetzungen einer Überprüfung überhaupt standhalten.

Kennt ihr weitere berühmte Beispiele dafür?

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u/Radiant-Judgment-664 — 2 days ago

Eine Frau, die einen Mann hauptsächlich wegen seines Geldes liebt, ist kein bisschen unmoralischer als ein Mann, der seine Frau hauptsächlich wegen ihrem Aussehen liebt.

Ich verstehe nicht, warum hier gesellschaftlich scheinbar mit zweierlei Maß gemessen wird. Wenn ein durchschnittlocher Mann eine schöne Frau hat und sie für ihre schöne Erscheining liebt und sich darüber freut, ist das etwas, was er offen zugeben kann und was die meisten Leute als normal und nachvollziehbar darstellen. Wenn besagte Frau jetzt sagen würde, dass sie es liebe, dass er Geld hat und dass ihr das wichtig ist, ist sie plötzlich ein Gold Digger.

Ist es nicht von beiden Seiten legitim, bestimmte Dinge zu haben, die einem bei einem Partner wichtig sind? Und sind wir nicht erwachsen genug zuzugeben, dass für eine funktionierende Beziehung auch die materiellen Umstände passen müssen?

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u/Radiant-Judgment-664 — 2 months ago

Lieferengpässe bei Medikamenten: Warum behandeln wir Arzneimittel eigentlich wie irgendeine beliebige Ware?

Ich habe diesen Artikel gelesen:
https://eschelbronn-online.de/kultur/auch-anbieter-wie-doktorabc-gehoeren-zu-den-plattformen

Es geht um Medikamentenmangel, Apotheken unter Druck, internationale Lieferketten und auch um digitale Angebote wie DoktorABC. Der Text ist als Anzeige/Werbepartnerschaft gekennzeichnet, also sollte man ihn entsprechend einordnen.

Ich bin Rentner und komme aus einer Generation, in der man über Versorgung noch anders gesprochen hat. Nicht alles war früher besser, ganz sicher nicht. Aber bei Arzneimitteln frage ich mich inzwischen schon: Warum hat ein reiches Land wie Deutschland keine verlässliche Strategie für Dinge, die Menschen täglich zum Überleben brauchen?

Bei Autos, Exporten und Rüstung wird ständig von „strategischer Souveränität“ gesprochen. Aber wenn Blutdruckmittel, Antibiotika oder Fiebersaft fehlen, dann heißt es plötzlich: schwierige Lieferketten, Marktbedingungen, globale Produktion.

Das überzeugt mich nicht mehr.

Meine zugespitzte These: Ein Staat, der Panzer beschaffen kann, aber bei Standardmedikamenten auf Billigproduktion und Weltmarktlogik angewiesen ist, hat seine Prioritäten falsch gesetzt.

Digitale Plattformen und Telemedizin können sicher in einzelnen Fällen helfen. Aber sie lösen nicht die eigentliche Frage: Wo werden die Medikamente produziert? Wer kontrolliert die Lieferketten? Wer sorgt dafür, dass Apotheken vor Ort nicht verschwinden? Und warum wird bei Gesundheit ständig so getan, als sei der Markt ein Naturgesetz?

Mich interessiert eure Einschätzung: Sollten wichtige Medikamente zur kritischen Infrastruktur gehören, ähnlich wie Energie, Wasser oder Verkehr?

Und falls ja: Müsste der Staat Produktion, Vorratshaltung und Apothekenversorgung viel stärker steuern oder wäre das nur teure Planwirtschaft mit schlechterem Ergebnis?

Ich frage das bewusst kontrovers, weil ich den Eindruck habe, dass wir viel über Digitalisierung im Gesundheitswesen, aber zu wenig über Macht, Eigentum und Versorgungssicherheit, reden.

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u/Radiant-Judgment-664 — 3 months ago

Tabuthema Erektionsstörungen

Hallo liebe Geschlechtgenossen,

mich beschäftigt zur Zeit ein Thema, über das man in der Öffentlichkeit eher weniger spricht und mich würde eure Einschätzung interessieren.

Ich habe das Gefühl, dass Erektionsstörungen bei der jungen Generation (ich bin selbst 64) deutlich häufiger vorkommen, als das früher, wo ein Mann vielleicht 5 nackte Frauen in seinem ganzen Leben gesehen hatte, der Fall war.

Mir ist auch aufgefallen, dass es immer mehr Plattformen gibt, die gezielt mit der Behandlung von Erektionsstörungen werben. Spontan fallen mir da DoktorABC, GoSpring und Everyman Health ein.

Es ist aber natürlich auch möglich, dass man mit dem Thema heutzutage einfach offener umgeht und die Plattformen nicht mehr so diskret vorgehen, wie man das früher gemacht hätte.

Was ist da eure Einschätzung? Habt ihr selbst schon mal unter Erektionsstörungen gelitten? Meint ihr, dass das heutzutage häufiger vorkommt? Wenn ja, woran könnte das eurer Meinung nach liegen?

Ich dachte, Reddit ist anonym genug, um darüber recht offen zu reden, also werfe ich dieses Thema mal in den Raum.

Grüße!

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u/Radiant-Judgment-664 — 3 months ago
▲ 38 r/DIE_LINKE+1 crossposts

Mir drängt sich aktuell ein Widerspruch auf, der sich auch mit einem etwas kritischeren Blick kaum übersehen lässt. Einerseits erleben wir eine massive Ausweitung staatlicher Ausgaben im militärischen Bereich im Kontext der NATO, andererseits wird im Inneren weiterhin strikt auf die Schuldenbremse verwiesen, sobald es um sozialstaatliche Entlastung oder strukturelle Reformen geht.

Parallel dazu scheint sich im Gesundheitssystem ein schleichender Druckaufbau zu vollziehen. Steigende Kosten durch Demografie, Pharmapreise und Systemträgheit werden absehbar über Beiträge sozialisiert, also primär über diejenigen, die ohnehin einkommensabhängig einzahlen. Dass Vermögen dabei weitgehend außen vor bleibt, ist ja kein Zufall, sondern politisch gewollt. (Bin in dem Kontext auf diesen Artikel gestoßen: https://www.24edu.info/de/lebensstil/beitragsschock-droht-so-konnte-sich-die-krankenversicherung-kunftig-entwickeln.html )

Wenn man das mit einem kritisch-theoretischen Blick liest, wirkt es fast wie ein klassisches Muster:
Die Kosten struktureller Krisen werden nach unten weitergereicht, während die Spielräume nach oben unangetastet bleiben. Gesundheit wird dann nicht mehr primär als öffentliches Gut organisiert, sondern zunehmend als Kostenfaktor, der effizient verwaltet werden muss.

Mich würde interessieren, wie ihr das einordnet:
Ist das einfach eine pragmatische Priorisierung unter geopolitischem Druck oder zeigt sich hier eine tiefere Verschiebung im Verhältnis von Staat, Markt und sozialer Absicherung?

Und anders gefragt:
Ist das aktuelle Modell der solidarischen Krankenversicherung unter diesen Bedingungen langfristig überhaupt stabil haltbar?

u/Radiant-Judgment-664 — 4 months ago