Ich war auf einem Böse-Onkelz-Konzert, obwohl ich die nicht mag
Musikalisch kann ich den Böhse Onkelz durchaus etwas abgewinnen. Ich mag harte Gitarrenriffs und fette Drums. Mit den Texten kann ich dagegen meisten nichts anfangen. Einzig höre ich manchmal “Auf gute Freunde” oder “Keine Amnestie für MTV”.
Trotzdem wurde ich gefragt, ob ich nicht mit auf ein Konzert möchte. Also dachte ich mir: Warum nicht? Vielleicht habe ich ja ein völlig falsches Bild.
Was mich allerdings ziemlich genervt hat, war die Selbstdarstellung der Band. Dieses ganze “gehasst, verdammt, vergöttert” und „Danke dir nichts“ wirkt auf mich inzwischen einfach nur noch überzogen. Klar, die Böhsen Onkelz haben eine kontroverse Vergangenheit und wurden jahrelang kritisiert. Aber auf mich wirkte es so, als würden sie sich immer noch als missverstandene Opfer inszenieren.
Zwischen den Liedern gab es immer wieder lange Ansprachen darüber, wie schwer sie es hatten, wie viel sie durchgemacht haben und dass man heute Abend “die Wahrheit” herausfinden werde. Ehrlich gesagt fühlte sich das stellenweise eher wie eine Predigt in der Kirche als ein Rockkonzert an. Mir war das einfach zu viel Selbstmitleid und zu viel Ich-bezogenheit.
Dazu kam für mich eine gewisse Doppelmoral. Es wird von Freiheit gesungen, gleichzeitig wird gegen Linke/Antifa ausgeteilt. Punk ist angeblich scheiße - aber vor Konzertbeginn lief dann Billy Talent anstelle der versprochen Vorband über die Lautsprecher. Das fand ich schon irgendwie ironisch.
Auch der Teil über Drogen hat mich sehr gestört. Natürlich ist es gut, wenn vor Drogen gewarnt wird. Aber in den Ansprachen ging es fast ausschließlich darum, wie schlimm die einzelnen Bandmitglieder selbst darunter gelitten haben. Ich musste dabei unweigerlich an den Unfall von Kevin Russell denken. Damals wurden zwei Menschen beinahe getötet, weil er unter Alkohol- und Drogeneinfluss in ihr Auto gefahren ist. Während er anschließend zu Fuß geflüchtet ist, haben andere Leute die Unfallopfer aus dem brennenden Auto gezogen. Für mich gehören zu einer ehrlichen Aufarbeitung eben auch die Opfer und nicht nur das eigene Leid.
Jetzt kommt aber der Teil, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hätte:
Meine Vorurteile gegenüber den Fans waren größtenteils falsch.
Die Leute waren überraschend freundlich und entspannt. Ich habe unglaublich viele Familien gesehen - Eltern mit ihren Kindern, mehrere Generationen zusammen auf dem Konzert. Das hat mich ehrlich gefreut. So etwas hätte ich mir mit meiner eigenen Familie nie vorstellen können.
Außerdem waren deutlich mehr Menschen mit Migrationshintergrund dort, als ich erwartet hätte. Das hat überhaupt nicht zu dem Bild gepasst, das ich vorher im Kopf hatte.
Aber auch der Moshpit hat mich überrascht. Ich stand plötzlich mitten drin. Einer rempelte mich an und entschuldigte sich sofort. Als eine stark betrunkene Frau hineingeriet, wurde sofort Rücksicht genommen. Und als ein Bessofski stürzte, hörten die Leute auf zu pogen, halfen ihm auf und machten erst weiter, als klar war, dass alles in Ordnung war. Ehrlich gesagt habe ich das schon deutlich rücksichtsloser erlebt.
Mein Fazit?
Ich würde nicht noch einmal auf ein Böhse Onkel Konzert gehen. Die Musik hat stellenweise Spaß gemacht, aber das viele Rumgeheule, Selbstmitleid und die Selbstinszenierung der Band sind einfach nichts für mich.
Meine Meinung über die Fans hat sich dagegen deutlich verbessert. Ich hatte sie viel stärker in eine Schublade gesteckt, als sie es verdient haben.
Und genau das ist wahrscheinlich meine eigentliche Beichte.