Ideen, um das Betteln zu verringern und das Rennen zu bereichern

Hey ihrse!

Ich liebe the Race. Bin erst am Anfang der zweiten Staffel überhaupt drauf gestoßen und hab die 1. Staffel sofort durchgesuchtet. Bei Staffel 3 war ich natürlich auch dabei und hab' mitgefiebert.

Ich will hier nix loswerden, sondern eher eine Debatte anregen. Vielleicht liest Dave es sich ja durch.

Ich weiß, das Format ist ein **Rennen** und das soll auch so bleiben. Ich find's aber nach wie vor sehr schade, dass man teilweise verhältnismäßig wenig von den durchreisten Ländern sieht.

Ich würd's feiern, wenn's pro Land ein oder zwei "Checkpoints" gibt, die kleine Belohnungen geben. Dinge, die "nice to have" sind, auf die man aber auch verzichten kann und die leicht abseits vom Weg liegen, an schönen Schauplätzen.

Als Beispiel: Ein Busticket über die nächste Grenze.

Vorteile: Man muss nicht betteln (was halt leider echt etwas viel geworden ist), man sieht etwas vom Land, in dem man ist und kommt sicher weiter.

Nachteile: Es ist ein Umweg, kostet folglich Zeit und vllt. muss man für das Ticket alles an Geld hergeben, was man bei sich hat. Das Geld wird später aufgerundet (vielleicht 'ne Null oder zwei Nullen dranhängen, je nachdem, wie viel's ist) an lokale gute Zwecke gespendet.

Irgendwie sowas. So könnte man das Betteln minimieren und ein bisschen was vom Land zeigen, ohne das Rennen unnötig in die Länge zu ziehen. Und man tut noch was Gutes.

Was wären eure Vorschläge? Oder gab's da schon was vom Team zu und ich weiß es nicht?

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u/Busy_Emphasis_9295 — 6 days ago

Die erste, richtige Periode - mit 36 Jahren

Hey Schwestern,

wie die meisten Mädels habe ich so zwischen 11 und 12 das erste Mal meine Tage bekommen. Die erste Zeit sehr unregelmäßig, dann halbwegs regelmäßig mehrere Jahre lang ... und dann wieder extrem unregelmäßig, weil ich irgendein hormonelles Problem habe. Ich vermute PCOS oder Endometriose, nur mit mildem Verlauf, denn:
Ich hatte nie wirklich Schmerzen.
Ja, es hat hin- und wieder mal gezwickt, aber es war absolut aushaltbar und hat nie mich irgendwie eingeschränkt.
Nun hatte ich - mal wieder - seit mehreren Monaten keine Periode und habe auch die Befürchtung, dass ich wegen aufgebauter Schleimhaut wieder ausgeschabt werden muss (musste schonmal gemacht werden), weshalb ich in zwei Wochen einen Frauenarzttermin habe.

Nun kam gestern, komplett unerwartet, meine Periode. Zeitpunkt haut zwar hin, hab' sie meistens immer kurz vor'm Monatsende gekriegt, aber halt das erste Mal seit langer Zeit.

Und HALLELUJA, die Maler in meinem Keller haben schweres Gerät dabei.

Ich bin wirklich nicht schmerzempfindlich und es ist auch nicht so, dass ich zusammengekrümmt auf dem Sofa liegen würde, aber meine Fresse, es tut weh.

Ironischerweise war ich fast geneigt, das hier in r/freudeteilen zu posten, weil es mich auf abstrakte Art und Weise irgendwie ... freut? Es gibt mir irgendwie ein stärkeres Gefühl der Zugehörigkeit. Wie oft habe ich von anderen Frauen von der Kombination "Schmerzen, Wärmflasche, Schmerztabletten" gehört und auch immer genickt und verständnisvoll reagiert (ganz, ganz selten hatte ich ja auch mal Krämpfe), konnte es aber nicht wirklich nachvollziehen.
Ich habe gerade das Gefühl, eine Erfahrung zu machen, die viele andere Frauen seit Jahren kennen.

Und ironischerweise freut mich das.

Ich geh' mir jetzt eine Wärmflasche machen und freue mich, dass heute nichts ansteht außer Haushalt und Hund.

Liebe Grüße,
Eine von Vielen

EDIT:
Ich wollte hier keiner Frau auf die Füße treten, die seit Jahren Schmerzen hat und sich wünschen würde, sie hätte meinen Periodenverlauf gehabt. Das soll bitte nicht so rüberkommen.
Ich fühle mich nur seltsamerweise "mehr als Frau", was vermutlich ein ganz eigenes Problem ist.

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u/Busy_Emphasis_9295 — 25 days ago

Mache ich alles soweit richtig?

Hey zusammen,

ich mach' mir irgendwie 'n ziemlichen Kopf um meine Hündin.

Sie ist ca. anderthalb Jahre alt, vermutlich ein Mischling (ich glaube, sie könnte sogar 'nen Husky in sich haben, sie ist ziemlich verbal. Murrt und brummelt, hab sie sogar einmal Heulen hören) und seit einem halben Jahr bei mir.

Sie ist gehandicapt/behindert. Sie hatte als Welpe einen schweren Unfall, irgendwo in Italien, wurde wohl von einem LKW erfasst. Das hat sie motorisch und neurologisch etwas angeschlagen zurückgelassen.
Sie hat eine geriatrische Haltung laut Tierärztin, ist etwas "tollpatschig"/koordinationsgestört, hat Nystagmus (Augenzittern), vermutlich leichte Schmerzen (bekommt täglich eine halbe Schmerztablette, sollte also aushaltbar sein) und hat eine Stummelrute. Außerdem legt sie den Kopf schief, wenn sie etwas fixieren will und wackelt dabei auch etwas mit dem Köpfchen.

Ansonsten ist sie aber ein ganz normaler und ausnehmend braver Hund. Sie kommt, wenn ich sie rufe, ich kann sie ohne Probleme im Freilauf spazieren führen (kein Jagdtrieb, keine Aggression, lediglich bei Hundebegegnungen muss ich sie im Auge haben, weil sie im Spiel sehr leicht sehr stark agitiert und eine "Bürste" kriegt, da lässt sie sich aber recht gut abrufen und beruhigen und dann geht's auch wieder) und Zuhause ist sie - bis auf gelegentliches Verbellen von Geistern und Fiepen, wenn die Nachbarskatze an der Terassentür vorbeiläuft - ruhig und macht auch nichts kaputt, außer die wöchentliche Zeitung, die ich ihr genau dafür immer zur Verfügung stelle.

Bevor die große Sommerhitze kam, bin ich morgens mit ihr 10 - 15 Minuten spazieren gegangen zum lösen. Sobald sie ihr Geschäft verrichtet hat, sind wir umgedreht. Mittags dann 30 - 40 Minuten mit viel Freilauf, ein, bis zweimal die Woche 'ne ganze Stunde strammer Marsch. Und Abends nochmal 20 Minuten Freilauf-Spaziergang.

Mittags und Abends hat sie außerdem auf den Runden immer Gesellschaft, meine Mutter kommt mit ihrer Hündin mit und die beiden verstehen sich super, spielen und pflegen sich.

Mittags und Abends gibt's auch immer zwei Handvoll Leckerchen ins Gras, zum Schnüffeln.

Mir ist da schon aufgefallen, dass mein Mädchen die Mittagsrunden eher mitmacht, weil ich es will. Sie steht da erst bei der dritten Aufforderung vom Sofa auf. Zwar ist sie draußen aktiv, schnüffelt, schaut sich um und interagiert mit der Umwelt, aber insbesondere auf dem Rückweg trödelt sie meistens ziemlich müde hinter mir her.

Seitdem es so heiß ist, haben wir die Mittagsrunde mit einer Dreiviertelstunde Gartenzeit abgewechselt. Meine Mutter und ich setzen uns in den (noch nicht eingezäunten, wir arbeiten dran) Garten und die beiden dürfen tun und lassen, was sie wollen. Es gibt Leckerchen ins Gras und danach tüddeln die Beiden meistens herum, schnüffeln, beobachten die Vögel, liegen im Gras und/oder interagieren/spielen miteinander.

Das scheint meinem Mädchen total zu reichen und das verwirrt mich irgendwie sehr. Sie ist so jung und eigentlich ein recht fröhliches Tier. Ich hab' irgendwie Angst, dass sie eigentlich unterfordert ist/sich langweilt, das aber nicht zeigt, weil sie Angst hat, dass sie dann wieder in die nächsten Hände gegeben wird (Sie hatte ein Herrchen, dann Tierarztpraxis, dann Shelter, dann Pflegestelle, dann ich).

Sie ist in der Wohnung aber ruhig, schläft viel oder döst.

Sie frisst ganz normal, ist - soweit ich das beurteilen kann - nicht übergewichtig (Rippen mit etwas Druck ertastbar), trinkt genug und hat auch keine Stuhlprobleme. Aber sie wirkt irgendwie ... depressiv auf mich? Klingt vermutlich albern und ich mache mir eventuell zu viele Sorgen, aber ich will einfach alles richtig machen.

Vor der Abendrunde wird sie dann doch etwas "unrund" bzw. checkt mich oft ab, ob und wann es denn rausgeht. Die Abendrunde liebt sie und kommt auch sofort mit, ohne großes Auffordern. Da kriegt sie auch - manchmal, nicht immer - richtige Zoomies und rast durch die Gegend. Das ist Mittags noch nie passiert.

Die Tierärztin ist mit ihrem Allgemeinzustand zufrieden. Physio würde ihr wohl gut tun, hab' ich auch 'ne Weile gemacht, aber die einzige Therapeutin hier ist mir zu alternativ. Wenn die davon redet, dass sie zwei Energiedrachen ausgebrütet hat und mir weißen Salbei zum Räuchern meiner Wohnung gibt, stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Ich weiß auch nicht ... ich werd' das Gefühl nicht los, dass ich irgendwas falsch mache.

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u/Busy_Emphasis_9295 — 1 month ago
▲ 11 r/balatro

For real ... how?!

I can't shake the feeling that I'm simply terrible at this game.

Time and again, I see runs here with well over 10 Jokers and deck sizes in the triple digits - where the cards themselves are either all copies (like nothing but Queens) or fully buffed out with seals, foils, and the like.

How. The. Fuck?

I struggle just to make it to Ante 8 with the Black Deck.

I try to find synergies, read every Joker description carefully, make sure to use the right Planet and/or Tarot cards, and grab every Spectral Pack I see - yet the absolute peak for me was having 8 Aces in a single deck. And even that felt pretty mighty.

What am I doing wrong?

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u/Busy_Emphasis_9295 — 2 months ago

Die neue Pflegereform zerstört unser bröckelndes Pflege- und Sozialsystem endgültig

Ich bin eine pflegende Angehörige.

Ich pflege zwei Menschen. Zum Einen meine Mutter (PG2), die sich über knapp 30 Jahre lang im wahrsten Sinne des Wortes kaputt gearbeitet hat, indem sie meinen Bruder (PG5) seit seiner Geburt gepflegt hat.

Diese Pflege habe ich vor 9 Jahren übernommen. Da war ich 27 Jahre alt und mir war vollends bewusst, was ich mir dadurch aufbürde, weil ich mit meinem Bruder aufgewachsen bin und ihn seit seiner Geburt kenne. Mir war klar, dass ich, solange ich ihn pflege, nie wieder ein wirklich freies Wochenende oder echten Urlaub haben werde. Dass ich dadurch nicht reich werde, sondern mich eher etwas überhalb der Armutsgrenze bewege. Dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass ich einen Partner finde, der diese Art zu leben respekt- und akzeptieren kann. Dass die Chancen, dass ich eine eigene Familie gründe extrem gering sind. Dass meine Rente lächerlich klein ausfallen wird.

All das habe ich, zu Teilen sogar billigend, in Kauf genommen, um meinem Bruder, der komplett auf fremde Hilfe angewiesen ist und sich nicht veräußern kann, ein angenehmes, würdevolles und so selbstbestimmtes Leben wie möglich zu bieten; und ihn aus dem staatlichen Pflegesystem rauszuhalten, in dem er durch Unterbesetzung, Überarbeitung und Sparmaßnahmen nicht die individuelle Betreuung bekäme, die notwendig ist, um für sein körperliches UND seelisches Wohl zu sorgen.

Um wirklich zu verstehen, was diese angekündigte Pflegereform anrichtet, muss ich einmal verdeutlichen, was die Pflege eines so schwer behinderten Angehörigen bedeutet.

Viele glauben leider bis heute, dass es mit "dreimal füttern, dreimal wickeln, zweimal waschen" getan ist - dabei könnte das von der Wahrheit nicht weiter entfernt sein.

Natürlich besteht ein Teil meiner Arbeit aus genau diesen Dingen. Füttern, wickeln, waschen. Das ist die Grundlage.

Und dann beginnen die Dinge, die kaum jemand wahrnimmt.

Wie eine Mutter ihre kleinen Kinder morgens für die Schule oder den Kindergarten fertig macht, mache ich meinen Bruder für die Tagesförderstätte fertig; mit dem Unterschied, dass mein Bruder niemals lernen wird, sich selbst anzuziehen und mir dabei nicht einmal helfen kann - und wir reden hier von einem ausgewachsenen Mann, der etwa 90 Kilo wiegt und unter Muskelspasmen leidet.

Dabei möchte er mir helfen. Woran ich das sehe? Er reicht mir die linke Hand, wenn ich über ihn greife, um ihm sein Oberteil anzuziehen. Immer. Sehr bewusst. Aber mehr kann er nicht tun.

Dann hebe ich ihn in den Rollstuhl. Allein. Ja, ich KÖNNTE mir eine Hebebühne besorgen, nur brauche ich für einen Deckenlifter das Einverständnis meines Vermieters und die Hebehilfen, die für sich selbst stehen, nehmen das halbe Zimmer in Größe ein. Solange ich es also kann, mache ich es ohne Hilfe.

Dann wird er von einem Fahrdienst abgeholt. So unfassbar lieb und nett die Fahrer in den letzten Jahren auch waren, ich lasse meinen Bruder nur mit Bauchschmerzen gehen.

Warum?

Weil er se*uell missbraucht wurde. Von einem seiner Busfahrer. Dieser war einschlägig vorbestraft und wurde von der SCHULBEHÖRDE dennoch eingestellt. Dieser Vorfall hat meine Abneigung gegen "offizielle" Hilfen begründet, die eine von vielen Gründen ist, warum ich meinen Bruder pflege.

Jedenfalls verbringt mein Bruder 4 Tage die Woche 4 - 8 Stunden in der Tagesförderstätte. Mittwochs bleibt er aus gesundheitlichen Gründen zu Hause.

Diese Zeit, und das begreift bis heute niemand, nicht einmal die Ämter, sind mein FEIERABEND.

Ja, am Vormittag. Und ja, ich muss diese Zeit sehr häufig für Besorgungen diverser Art, Arzttermine und ähnliche Dinge nutzen. Auch Telefonate und Papierkram kann ich nur in dieser Zeit erledigen, weil unsere Welt nun einmal auf den Vormittag getaktet ist.

Dennoch ist es mein Feierabend. Die einzige Zeit am Tag, an der ich keine Aufsichtspflicht habe und mich halbwegs frei bewegen, oder dringend benötigten Schlaf nachholen kann

Halbwegs, weil ich auch in dieser Zeit auf Abruf bin. Es könnte immer etwas sein. Mein Bruder war lange Jahre schwer epileptisch und auch in Tagesförderstätten passieren Unfälle. Mein Bruder z.B. ist einmal aus dem Rollstuhl gefallen. Sein Knie hat sich davon nie erholt.

Am Nachmittag kommt mein Bruder zurück in meine Obhut, wo er bis zum nächsten Morgen verbleibt. Ich kümmere mich um ihn, achte auf seine Geräusche, lagere ihn um, sorge im Sommer für Abkühlung und im Winter für ausreichend Wärme, beschäftige mich mit ihm, spreche mit ihm. Natürlich nicht jede Minute, aber immer wieder und ständig.

Ja, ich rede am Abend über das Internet mit Freunden, aber sobald mein Bruder nach Aufmerksamkeit verlangt, springe ich.

Wenn er nicht schläft, was durch seine Schmerzen und seine neurologischen Schwierigkeiten recht häufig vorkommt, schlafe ich nicht. Und wenn, dann mit offener Tür und offenem Ohr.

Neben all diesen Dingen führe ich einen Haushalt für zwei Menschen, von denen einer inkontinent ist, was einen deutlichen Mehraufwand an Dreckwäsche bedeutet. Ich koche für zwei Leute, ich kaufe für zwei Leute ein, ich putze für zwei Leute, ich bringe den Müll von gefühlt 5 Leuten raus, weil nasse Windeln wirklich viel wiegen; wenn der Restmüllcontainer nicht zu voll ist und ich zusehen muss, dass ich mir im Sommer keine Fliegenplage ranzüchte.

Das war es aber immer noch nicht.

Hinzu kommt die medizinische Verantwortung.

Ich habe inzwischen von mehreren Leuten, die mich nicht kennen, die Vermutung gehört, dass ich ausgebildete Krankenschwester bin.

Bin ich nicht.

Ich habe einen Realschulabschluss und auch den nur auf dem zweiten Bildungsweg. Dennoch kann ich mich mit jedem Arzt auf Augenhöhe über seine Behandlung unterhalten, kann jeden Arztbrief dechiffrieren, achte auf Wechselwirkungen bei Medikamenten und deren kombinierte Nebenwirkungen und so weiter. Weil ich mich belese. Ich meiner "Freizeit". Immer wieder von Neuem, weil die Medizin sich ständig weiterentwickelt.

Und ich bekomme schwere Betäubungsmittel (Fentanyl & Morphin) für meinen Bruder ausgehändigt und verabreiche sie auch.

Trotzdem kämpfe ich oft (nicht immer, es gibt Ausnahmen) mit den Vorurteilen der "hysterischen Helikopter-Schwester" und werde von Ärzten oder ähnlichem Personal abgewimmelt oder von Oben herab behandelt - während mein Bruder im Krankenhaus liegt und man ihm sein Essen hinstellt und sich wundert, dass er seit drei Tagen nichts gegessen hat, obwohl in meiner eigens geschriebenen Pflegeanleitung dick unterstrichen steht, dass er gefüttert werden muss.

Alles schon passiert.

Kurz erwähnt sei auch die "Mental Load" der Dauerverantwortung, die zu Burnouts und Depressionen führen kann, das wird später noch wichtig.

Dann all die Anträge an die Pflege- und Krankenkasse. Neuer Rollstuhl, Duschstuhl, neues Pflegebett. Passiert natürlich nicht täglich, kann sich aber teilweise über Monate bis Jahre hinziehen, bis alle Widersprüche eingereicht, die Bewilligung durch und die Sanitätshäuser fertig mit ihrer Arbeit sind, wobei ich bei Letzterem ebenfalls bei jedem Arbeitsschritt dabei bin, um sicherzustellen, dass der angefertigte Gegenstand meinem Bruder auch wirklich die Hilfe bietet, die er braucht.

Jedes Jahr muss ich dem Amtsgericht einen genauen Bericht über meine Finanzen schicken. Ich muss zwei Konten führen, damit ich nachweisen kann, das ich das Geld meines Bruders auch zum größten Teil für ihn verwende; weil das Pflegegeld bis heute nicht als Lohn für pflegende Angehörige gilt.

Wir machen all diese Arbeit, auf dem Papier, unentgeldlich.

Und in der Realität?

Habe ich, großzügig gerechnet, einen Stundenlohn von etwa 3,50€.

Wenn ich 10 Stunden Schlaf pro Tag mit einbeziehe, die nahezu nie so vorkommen, sind wir bei 7€ die Stunde. Das sind 6,90€ die Stunde weniger als der Mindestlohn.

Und da habe ich Bürgergeld und Grundsicherung mit reingerechnet.

Für einen Job, bei dem ich 24/7 auf Abruf bin.

Selbst, wenn ich die Zeit, die mein Bruder in der Tagesförderstätte ist und 10 Stunden Schlaf am Tag anrechne (von mir aus 8 Stunden Schlaf und 2 Stunden Freizeit, ich bin ja nicht jede Sekunde bei meinem Bruder), kämen wir im Übrigen auf eine Arbeitswoche von 72 Stunden. Wir kratzen also an der von Bundeskanzler Merz gewünschten 73,5 Stunden-Woche.

Seit Jahren.

Ohne regulären Lohn.

Denn würden wir Mindestlohn bekommen, bekäme jemand wie ich in etwa 4.000€ im Monat.

Wir haben aber, Pflegegeld, Bürgergeld und Grundsicherung zusammengerechnet, lediglich ein Einkommen von 2.100€, also um die Hälfte weniger.

Natürlich hinkt die Rechnung. Unsere Miete (2-Zimmer, Sozialwohnung, 530€ warm, ohne Strom) wird vom Amt übernommen. Die Tagesförderstätte meines Bruders wird vom Staat bezahlt. Große Dinge wie Rollstuhl oder Pflegebett bezahlt die Pflegekasse. Große Teile der Medikamente meines Bruders werden übernommen. Die Pflegekasse zahlt meine Rentenbeiträge. Wir sind gesetzlich krankenversichert und zahlen keinen Cent dafür.

Das weiß ich alles. Ich habe mich bisher auch nur darüber beklagt, dass man es uns verwaltungstechnisch unnötig schwer macht und das Pflegegeld zumindest an die Inflation angepasst werden sollte.

Aber mit der nun geplanten Pflegereform unter Merz' Regierung, droht das GESAMTE Pflegesystem Deutschlands zusammenzubrechen.

Das Entlastungsbudget (3.500€ im Jahr) wird abgeschafft. Von diesem Geld konnte ich hin- und wieder eine Bekannte engagieren, die meinen Bruder schon lange kennt, und mir so ein paar freie Tage im Jahr verschaffen. Zwar scheue ich vor anerkannten Kurzzeitpflegeeinrichtungen zurück, aber selbst, wenn ich das nicht täte: Es gibt keine Plätze. Jetzt schon nicht.

Das abgeschaffte Entlastungsbudget wird umgewandelt. Das bisherige Pflegegeld soll abgeschafft werden und durch ein neues, leicht erhöhtes, monatliches Entlastungsbudget ersetzt werden.

1.079€.

Klingt ja erstmal gut. Bis man zwischen den Zeilen liest.

Die monatlichen Sachleistungen werden ersatzlos gestrichen. Heißt, ich muss Bettunterlagen, Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel und dergleichen selbst bezahlen – hinzukommend zu den Medikamenten, die ich ohnehin schon selbst bezahlen muss, weil sie nicht übernommen werden. Im Fall meines Bruders sind das Klistiere, Lactulose, andere, abführende und entblähende Medikamente, sowie besondere Cremes und Ähnliches, um Dekubiti vorzubeugen, was sich, im Schnitt, auf über 100€ im Monat beläuft.

Das ursprüngliche Entlastungsbudget (Verhinderungs- und Kurzzeitpflege) fällt weg und die Budgets, die es ersetzen sollen, sind zum Einen niedriger und dürfen nur noch für anerkannte Pflegeerleichterungen (gastweise Unterbringung in Heimen, Pflegedienste) genutzt werden, nicht mehr für Privatpersonen. Und wie gesagt: Es gibt nahezu keine Plätze. Und Pflegedienste sind UNGLEICH teurer als die liebe Nachbarin, die man seit Jahren kennt.

Hinzukommend werden die Rentenbeiträge von pflegenden Angehörigen um 30% gekürzt. Meine Rente sah nie besonders gut aus, ich hätte, grob geschätzt, 1.000€ Rente bekommen. Das wird sich nun in den dreistelligen Bereich reduzieren, was bedeutet, dass ich mein Leben lang, auch im Alter, auf Sozialleistungen angewiesen sein werde – denn ich werde meinen Bruder nicht weggeben.

Wie auch 86% (!) Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland, wird er weiter Zuhause versorgt.

Mehr als drei Viertel aller Pflegebedürftigen in unserem Land werden von Angehörigen gepflegt. Davon sind im Übrigen über eine Million Fälle, die nicht über 65 Jahre alt sind und deren Pflegebedürftigkeit nicht auf ihr Alter zurückzuführen ist; und die voraussichtlich ihr Leben lang pflegebedürftig bleiben.

Wenn diese Pflegereform so kommt, wie sie im derzeitigen Referentenentwurf geplant ist, werden viele ihre Angehörigen in Heime geben MÜSSEN, weil sie sich ihr Leben sonst einfach nicht mehr leisten können. Für diese Pflegebedürftigen gibt es aber bei Weitem weder genug Plätze, noch genug Personal, um sie zu versorgen.

Aber einmal angenommen, man bekäme diese Menschen noch irgendwo untergebracht.

Die dann wieder "freien" Angehörigen werden in vielen Fällen nicht einfach wieder in Vollzeit arbeiten. Viele dieser Menschen haben große Lücken im Lebenslauf, was sich schwerwiegend auf den Bewerbungsprozess auswirkt. Noch mehr von ihnen sind von der Angehörigenpflege schlicht kaputt. Psychisch und/oder körperlich. Diese Menschen werden zum Teil gar nicht mehr oder nur bedingt arbeitsfähig sein.

Oder, auch wenn diese Fälle vermutlich seltener sind, haben diese Menschen teilweise gar keine Ausbildung, weil sie in jungen Jahren mit der Angehörigenpflege angefangen haben. Allein 13% der pflegenden Angehörigen sind nachweislich zwischen 16 und 39 Jahren alt. Und findet mal mit Anfang 30 heutzutage noch einen Ausbildungsplatz.

Der Rest bewegt sich überwiegend im Alter über 50 und wird ohnehin nicht mehr lange arbeiten können – wenn überhaupt.

Ja, der Staat spart durch die Reform vermutlich etwas Geld ein. Aber er bekommt sonst kaum einen Mehrwert. Das ohnehin am Limit arbeitende Pflegesystem wird weiter belastet, während neue Arbeitskräfte nur sehr bedingt dadurch entstehen.

Und die Leidtragenden sind jene, die wir zu beschützen versprochen haben.

Unsere Mütter und Väter. Unsere Brüder und Schwestern. Unsere Söhne und Töchter.

Die Menschen, die nicht mehr für sich selbst sorgen können, egal aus welchen Gründen, und auf Hilfe und Mitgefühl angewiesen sind, sind die Leidtragenden dieser Reform.

Wir, die Menschen, die 86% aller Pflegebedürftigen in Deutschland – auf dem Papier – unentgeltlich versorgen und so unser Pflegesystem seit Jahren mittragen, haben weder Lobby noch Energie noch Zeit, um für unsere und die Rechte unserer Pfleglinge zu kämpfen.

Das ist aber kein Grund, uns ein derart großes Messer in den Rücken zu stechen.

Ich weiß, dass Deutschland Geld braucht.

Ich weiß, dass die Pflegeversicherung unter finanziellem Druck steht. Ich weiß, dass die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und dass schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen.

Aber ich bin fest davon überzeugt, dass dies der falsche Weg ist.

Denn diese Reform spart nicht dort, wo Probleme entstehen. Sie spart bei den Menschen, die das Pflegesystem seit Jahren mittragen. Bei den Angehörigen, die nachts aufstehen, Medikamente verabreichen, Arzttermine organisieren, Anträge schreiben, ihre Erwerbstätigkeit einschränken und oft ihre eigene Gesundheit für die Versorgung eines geliebten Menschen opfern.

Man kann über die Finanzierung der Pflegeversicherung diskutieren. Man kann über Beiträge, Steuern und Prioritäten streiten.

Was man aber nicht tun sollte, ist die häusliche Pflege weiter zu schwächen, obwohl sie bereits heute den größten Teil der Versorgung in Deutschland übernimmt.

Denn wenn Angehörige ihre Pflegebedürftigen nicht mehr zuhause versorgen können, verschwinden diese Menschen nicht. Sie brauchen weiterhin Hilfe. Nur dann muss jemand anderes sie leisten – in einem System, das schon heute unter Personalmangel, Zeitdruck und fehlenden Kapazitäten leidet.

Deshalb glaube ich nicht, dass diese Reform ein Problem löst.

Ich glaube, sie verschiebt es nur. Und macht es dabei größer.

Gezeichnet,

Eine von Vielen

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u/Busy_Emphasis_9295 — 2 months ago
▲ 14 r/politik

Die neue Pflegereform zerstört unser bröckelndes Pflege- und Sozialsystem endgültig

Mir wurde in r/Pflege und r/Soziales_Arbeit nahegelegt, meinen Text hier zu posten, also tue ich das und hoffe auf ein bisschen Aufmerksamkeit für das Thema, denn es ist sehr wichtig.

_____________________________________

Ich bin eine pflegende Angehörige.

Ich pflege zwei Menschen. Zum Einen meine Mutter (PG2), die sich über knapp 30 Jahre lang im wahrsten Sinne des Wortes kaputt gearbeitet hat, indem sie meinen Bruder (PG5) seit seiner Geburt gepflegt hat.

Diese Pflege habe ich vor 9 Jahren übernommen. Da war ich 27 Jahre alt und mir war vollends bewusst, was ich mir dadurch aufbürde, weil ich mit meinem Bruder aufgewachsen bin und ihn seit seiner Geburt kenne. Mir war klar, dass ich, solange ich ihn pflege, nie wieder ein wirklich freies Wochenende oder echten Urlaub haben werde. Dass ich dadurch nicht reich werde, sondern mich eher etwas überhalb der Armutsgrenze bewege. Dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass ich einen Partner finde, der diese Art zu leben respekt- und akzeptieren kann. Dass die Chancen, dass ich eine eigene Familie gründe extrem gering sind. Dass meine Rente lächerlich klein ausfallen wird.

All das habe ich, zu Teilen sogar billigend, in Kauf genommen, um meinem Bruder, der komplett auf fremde Hilfe angewiesen ist und sich nicht veräußern kann, ein angenehmes, würdevolles und so selbstbestimmtes Leben wie möglich zu bieten; und ihn aus dem staatlichen Pflegesystem rauszuhalten, in dem er durch Unterbesetzung, Überarbeitung und Sparmaßnahmen nicht die individuelle Betreuung bekäme, die notwendig ist, um für sein körperliches UND seelisches Wohl zu sorgen.

Um wirklich zu verstehen, was diese angekündigte Pflegereform anrichtet, muss ich einmal verdeutlichen, was die Pflege eines so schwer behinderten Angehörigen bedeutet.

Viele glauben leider bis heute, dass es mit "dreimal füttern, dreimal wickeln, zweimal waschen" getan ist - dabei könnte das von der Wahrheit nicht weiter entfernt sein.

Natürlich besteht ein Teil meiner Arbeit aus genau diesen Dingen. Füttern, wickeln, waschen. Das ist die Grundlage.

Und dann beginnen die Dinge, die kaum jemand wahrnimmt.

Wie eine Mutter ihre kleinen Kinder morgens für die Schule oder den Kindergarten fertig macht, mache ich meinen Bruder für die Tagesförderstätte fertig; mit dem Unterschied, dass mein Bruder niemals lernen wird, sich selbst anzuziehen und mir dabei nicht einmal helfen kann - und wir reden hier von einem ausgewachsenen Mann, der etwa 90 Kilo wiegt und unter Muskelspasmen leidet.

Dabei möchte er mir helfen. Woran ich das sehe? Er reicht mir die linke Hand, wenn ich über ihn greife, um ihm sein Oberteil anzuziehen. Immer. Sehr bewusst. Aber mehr kann er nicht tun.

Dann hebe ich ihn in den Rollstuhl. Allein. Ja, ich KÖNNTE mir eine Hebebühne besorgen, nur brauche ich für einen Deckenlifter das Einverständnis meines Vermieters und die Hebehilfen, die für sich selbst stehen, nehmen das halbe Zimmer in Größe ein. Solange ich es also kann, mache ich es ohne Hilfe.

Dann wird er von einem Fahrdienst abgeholt. So unfassbar lieb und nett die Fahrer in den letzten Jahren auch waren, ich lasse meinen Bruder nur mit Bauchschmerzen gehen.

Warum?

Weil er se*uell missbraucht wurde. Von einem seiner Busfahrer. Dieser war einschlägig vorbestraft und wurde von der SCHULBEHÖRDE dennoch eingestellt. Dieser Vorfall hat meine Abneigung gegen "offizielle" Hilfen begründet, die eine von vielen Gründen ist, warum ich meinen Bruder pflege.

Jedenfalls verbringt mein Bruder 4 Tage die Woche 4 - 8 Stunden in der Tagesförderstätte. Mittwochs bleibt er aus gesundheitlichen Gründen zu Hause.

Diese Zeit, und das begreift bis heute niemand, nicht einmal die Ämter, sind mein FEIERABEND.

Ja, am Vormittag. Und ja, ich muss diese Zeit sehr häufig für Besorgungen diverser Art, Arzttermine und ähnliche Dinge nutzen. Auch Telefonate und Papierkram kann ich nur in dieser Zeit erledigen, weil unsere Welt nun einmal auf den Vormittag getaktet ist.

Dennoch ist es mein Feierabend. Die einzige Zeit am Tag, an der ich keine Aufsichtspflicht habe und mich halbwegs frei bewegen, oder dringend benötigten Schlaf nachholen kann

Halbwegs, weil ich auch in dieser Zeit auf Abruf bin. Es könnte immer etwas sein. Mein Bruder war lange Jahre schwer epileptisch und auch in Tagesförderstätten passieren Unfälle. Mein Bruder z.B. ist einmal aus dem Rollstuhl gefallen. Sein Knie hat sich davon nie erholt.

Am Nachmittag kommt mein Bruder zurück in meine Obhut, wo er bis zum nächsten Morgen verbleibt. Ich kümmere mich um ihn, achte auf seine Geräusche, lagere ihn um, sorge im Sommer für Abkühlung und im Winter für ausreichend Wärme, beschäftige mich mit ihm, spreche mit ihm. Natürlich nicht jede Minute, aber immer wieder und ständig.

Ja, ich rede am Abend über das Internet mit Freunden, aber sobald mein Bruder nach Aufmerksamkeit verlangt, springe ich.

Wenn er nicht schläft, was durch seine Schmerzen und seine neurologischen Schwierigkeiten recht häufig vorkommt, schlafe ich nicht. Und wenn, dann mit offener Tür und offenem Ohr.

Neben all diesen Dingen führe ich einen Haushalt für zwei Menschen, von denen einer inkontinent ist, was einen deutlichen Mehraufwand an Dreckwäsche bedeutet. Ich koche für zwei Leute, ich kaufe für zwei Leute ein, ich putze für zwei Leute, ich bringe den Müll von gefühlt 5 Leuten raus, weil nasse Windeln wirklich viel wiegen; wenn der Restmüllcontainer nicht zu voll ist und ich zusehen muss, dass ich mir im Sommer keine Fliegenplage ranzüchte.

Das war es aber immer noch nicht.

Hinzu kommt die medizinische Verantwortung.

Ich habe inzwischen von mehreren Leuten, die mich nicht kennen, die Vermutung gehört, dass ich ausgebildete Krankenschwester bin.

Bin ich nicht.

Ich habe einen Realschulabschluss und auch den nur auf dem zweiten Bildungsweg. Dennoch kann ich mich mit jedem Arzt auf Augenhöhe über seine Behandlung unterhalten, kann jeden Arztbrief dechiffrieren, achte auf Wechselwirkungen bei Medikamenten und deren kombinierte Nebenwirkungen und so weiter. Weil ich mich belese. Ich meiner "Freizeit". Immer wieder von Neuem, weil die Medizin sich ständig weiterentwickelt.

Und ich bekomme schwere Betäubungsmittel (Fentanyl & Morphin) für meinen Bruder ausgehändigt und verabreiche sie auch.

Trotzdem kämpfe ich oft (nicht immer, es gibt Ausnahmen) mit den Vorurteilen der "hysterischen Helikopter-Schwester" und werde von Ärzten oder ähnlichem Personal abgewimmelt oder von Oben herab behandelt - während mein Bruder im Krankenhaus liegt und man ihm sein Essen hinstellt und sich wundert, dass er seit drei Tagen nichts gegessen hat, obwohl in meiner eigens geschriebenen Pflegeanleitung dick unterstrichen steht, dass er gefüttert werden muss.

Alles schon passiert.

Kurz erwähnt sei auch die "Mental Load" der Dauerverantwortung, die zu Burnouts und Depressionen führen kann, das wird später noch wichtig.

Dann all die Anträge an die Pflege- und Krankenkasse. Neuer Rollstuhl, Duschstuhl, neues Pflegebett. Passiert natürlich nicht täglich, kann sich aber teilweise über Monate bis Jahre hinziehen, bis alle Widersprüche eingereicht, die Bewilligung durch und die Sanitätshäuser fertig mit ihrer Arbeit sind, wobei ich bei Letzterem ebenfalls bei jedem Arbeitsschritt dabei bin, um sicherzustellen, dass der angefertigte Gegenstand meinem Bruder auch wirklich die Hilfe bietet, die er braucht.

Jedes Jahr muss ich dem Amtsgericht einen genauen Bericht über meine Finanzen schicken. Ich muss zwei Konten führen, damit ich nachweisen kann, das ich das Geld meines Bruders auch zum größten Teil für ihn verwende; weil das Pflegegeld bis heute nicht als Lohn für pflegende Angehörige gilt.

Wir machen all diese Arbeit, auf dem Papier, unentgeldlich.

Und in der Realität?

Habe ich, großzügig gerechnet, einen Stundenlohn von etwa 3,50€.

Wenn ich 10 Stunden Schlaf pro Tag mit einbeziehe, die nahezu nie so vorkommen, sind wir bei 7€ die Stunde. Das sind 6,90€ die Stunde weniger als der Mindestlohn.

Und da habe ich Bürgergeld und Grundsicherung mit reingerechnet.

Für einen Job, bei dem ich 24/7 auf Abruf bin.

Selbst, wenn ich die Zeit, die mein Bruder in der Tagesförderstätte ist und 10 Stunden Schlaf am Tag anrechne (von mir aus 8 Stunden Schlaf und 2 Stunden Freizeit, ich bin ja nicht jede Sekunde bei meinem Bruder), kämen wir im Übrigen auf eine Arbeitswoche von 72 Stunden. Wir kratzen also an der von Bundeskanzler Merz gewünschten 73,5 Stunden-Woche.

Seit Jahren.

Ohne regulären Lohn.

Denn würden wir Mindestlohn bekommen, bekäme jemand wie ich in etwa 4.000€ im Monat.

Wir haben aber, Pflegegeld, Bürgergeld und Grundsicherung zusammengerechnet, lediglich ein Einkommen von 2.100€, also um die Hälfte weniger.

Natürlich hinkt die Rechnung. Unsere Miete (2-Zimmer, Sozialwohnung, 530€ warm, ohne Strom) wird vom Amt übernommen. Die Tagesförderstätte meines Bruders wird vom Staat bezahlt. Große Dinge wie Rollstuhl oder Pflegebett bezahlt die Pflegekasse. Große Teile der Medikamente meines Bruders werden übernommen. Die Pflegekasse zahlt meine Rentenbeiträge. Wir sind gesetzlich krankenversichert und zahlen keinen Cent dafür.

Das weiß ich alles. Ich habe mich bisher auch nur darüber beklagt, dass man es uns verwaltungstechnisch unnötig schwer macht und das Pflegegeld zumindest an die Inflation angepasst werden sollte.

Aber mit der nun geplanten Pflegereform unter Merz' Regierung, droht das GESAMTE Pflegesystem Deutschlands zusammenzubrechen.

Das Entlastungsbudget (3.500€ im Jahr) wird abgeschafft. Von diesem Geld konnte ich hin- und wieder eine Bekannte engagieren, die meinen Bruder schon lange kennt, und mir so ein paar freie Tage im Jahr verschaffen. Zwar scheue ich vor anerkannten Kurzzeitpflegeeinrichtungen zurück, aber selbst, wenn ich das nicht täte: Es gibt keine Plätze. Jetzt schon nicht.

Das abgeschaffte Entlastungsbudget wird umgewandelt. Das bisherige Pflegegeld soll abgeschafft werden und durch ein neues, leicht erhöhtes, monatliches Entlastungsbudget ersetzt werden.

1.079€.

Klingt ja erstmal gut. Bis man zwischen den Zeilen liest.

Die monatlichen Sachleistungen werden ersatzlos gestrichen. Heißt, ich muss Bettunterlagen, Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel und dergleichen selbst bezahlen – hinzukommend zu den Medikamenten, die ich ohnehin schon selbst bezahlen muss, weil sie nicht übernommen werden. Im Fall meines Bruders sind das Klistiere, Lactulose, andere, abführende und entblähende Medikamente, sowie besondere Cremes und Ähnliches, um Dekubiti vorzubeugen, was sich, im Schnitt, auf über 100€ im Monat beläuft.

Das ursprüngliche Entlastungsbudget (Verhinderungs- und Kurzzeitpflege) fällt weg und die Budgets, die es ersetzen sollen, sind zum Einen niedriger und dürfen nur noch für anerkannte Pflegeerleichterungen (gastweise Unterbringung in Heimen, Pflegedienste) genutzt werden, nicht mehr für Privatpersonen. Und wie gesagt: Es gibt nahezu keine Plätze. Und Pflegedienste sind UNGLEICH teurer als die liebe Nachbarin, die man seit Jahren kennt.

Hinzukommend werden die Rentenbeiträge von pflegenden Angehörigen um 30% gekürzt. Meine Rente sah nie besonders gut aus, ich hätte, grob geschätzt, 1.000€ Rente bekommen. Das wird sich nun in den dreistelligen Bereich reduzieren, was bedeutet, dass ich mein Leben lang, auch im Alter, auf Sozialleistungen angewiesen sein werde – denn ich werde meinen Bruder nicht weggeben.

Wie auch 86% (!) Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland, wird er weiter Zuhause versorgt.

Mehr als drei Viertel aller Pflegebedürftigen in unserem Land werden von Angehörigen gepflegt. Davon sind im Übrigen über eine Million Fälle, die nicht über 65 Jahre alt sind und deren Pflegebedürftigkeit nicht auf ihr Alter zurückzuführen ist; und die voraussichtlich ihr Leben lang pflegebedürftig bleiben.

Wenn diese Pflegereform so kommt, wie sie im derzeitigen Referentenentwurf geplant ist, werden viele ihre Angehörigen in Heime geben MÜSSEN, weil sie sich ihr Leben sonst einfach nicht mehr leisten können. Für diese Pflegebedürftigen gibt es aber bei Weitem weder genug Plätze, noch genug Personal, um sie zu versorgen.

Aber einmal angenommen, man bekäme diese Menschen noch irgendwo untergebracht.

Die dann wieder "freien" Angehörigen werden in vielen Fällen nicht einfach wieder in Vollzeit arbeiten. Viele dieser Menschen haben große Lücken im Lebenslauf, was sich schwerwiegend auf den Bewerbungsprozess auswirkt. Noch mehr von ihnen sind von der Angehörigenpflege schlicht kaputt. Psychisch und/oder körperlich. Diese Menschen werden zum Teil gar nicht mehr oder nur bedingt arbeitsfähig sein.

Oder, auch wenn diese Fälle vermutlich seltener sind, haben diese Menschen teilweise gar keine Ausbildung, weil sie in jungen Jahren mit der Angehörigenpflege angefangen haben. Allein 13% der pflegenden Angehörigen sind nachweislich zwischen 16 und 39 Jahren alt. Und findet mal mit Anfang 30 heutzutage noch einen Ausbildungsplatz.

Der Rest bewegt sich überwiegend im Alter über 50 und wird ohnehin nicht mehr lange arbeiten können – wenn überhaupt.

Ja, der Staat spart durch die Reform vermutlich etwas Geld ein. Aber er bekommt sonst kaum einen Mehrwert. Das ohnehin am Limit arbeitende Pflegesystem wird weiter belastet, während neue Arbeitskräfte nur sehr bedingt dadurch entstehen.

Und die Leidtragenden sind jene, die wir zu beschützen versprochen haben.

Unsere Mütter und Väter. Unsere Brüder und Schwestern. Unsere Söhne und Töchter.

Die Menschen, die nicht mehr für sich selbst sorgen können, egal aus welchen Gründen, und auf Hilfe und Mitgefühl angewiesen sind, sind die Leidtragenden dieser Reform.

Wir, die Menschen, die 86% aller Pflegebedürftigen in Deutschland – auf dem Papier – unentgeltlich versorgen und so unser Pflegesystem seit Jahren mittragen, haben weder Lobby noch Energie noch Zeit, um für unsere und die Rechte unserer Pfleglinge zu kämpfen.

Das ist aber kein Grund, uns ein derart großes Messer in den Rücken zu stechen.

Ich weiß, dass Deutschland Geld braucht.

Ich weiß, dass die Pflegeversicherung unter finanziellem Druck steht. Ich weiß, dass die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und dass schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen.

Aber ich bin fest davon überzeugt, dass dies der falsche Weg ist.

Denn diese Reform spart nicht dort, wo Probleme entstehen. Sie spart bei den Menschen, die das Pflegesystem seit Jahren mittragen. Bei den Angehörigen, die nachts aufstehen, Medikamente verabreichen, Arzttermine organisieren, Anträge schreiben, ihre Erwerbstätigkeit einschränken und oft ihre eigene Gesundheit für die Versorgung eines geliebten Menschen opfern.

Man kann über die Finanzierung der Pflegeversicherung diskutieren. Man kann über Beiträge, Steuern und Prioritäten streiten.

Was man aber nicht tun sollte, ist die häusliche Pflege weiter zu schwächen, obwohl sie bereits heute den größten Teil der Versorgung in Deutschland übernimmt.

Denn wenn Angehörige ihre Pflegebedürftigen nicht mehr zuhause versorgen können, verschwinden diese Menschen nicht. Sie brauchen weiterhin Hilfe. Nur dann muss jemand anderes sie leisten – in einem System, das schon heute unter Personalmangel, Zeitdruck und fehlenden Kapazitäten leidet.

Deshalb glaube ich nicht, dass diese Reform ein Problem löst.

Ich glaube, sie verschiebt es nur. Und macht es dabei größer.

Gezeichnet,

Eine von Vielen

reddit.com
u/Busy_Emphasis_9295 — 2 months ago

Die neue Pflegereform zerstört unser bröckelndes Pflege- und Sozialsystem endgültig

Ich bin eine pflegende Angehörige.

Ich pflege zwei Menschen. Zum Einen meine Mutter (PG2), die sich über knapp 30 Jahre lang im wahrsten Sinne des Wortes kaputt gearbeitet hat, indem sie meinen Bruder (PG5) seit seiner Geburt gepflegt hat.

Diese Pflege habe ich vor 9 Jahren übernommen. Da war ich 27 Jahre alt und mir war vollends bewusst, was ich mir dadurch aufbürde, weil ich mit meinem Bruder aufgewachsen bin und ihn seit seiner Geburt kenne. Mir war klar, dass ich, solange ich ihn pflege, nie wieder ein wirklich freies Wochenende oder echten Urlaub haben werde. Dass ich dadurch nicht reich werde, sondern mich eher etwas überhalb der Armutsgrenze bewege. Dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass ich einen Partner finde, der diese Art zu leben respekt- und akzeptieren kann. Dass die Chancen, dass ich eine eigene Familie gründe extrem gering sind. Dass meine Rente lächerlich klein ausfallen wird.

All das habe ich, zu Teilen sogar billigend, in Kauf genommen, um meinem Bruder, der komplett auf fremde Hilfe angewiesen ist und sich nicht veräußern kann, ein angenehmes, würdevolles und so selbstbestimmtes Leben wie möglich zu bieten; und ihn aus dem staatlichen Pflegesystem rauszuhalten, in dem er durch Unterbesetzung, Überarbeitung und Sparmaßnahmen nicht die individuelle Betreuung bekäme, die notwendig ist, um für sein körperliches UND seelisches Wohl zu sorgen.

Um wirklich zu verstehen, was diese angekündigte Pflegereform anrichtet, muss ich einmal verdeutlichen, was die Pflege eines so schwer behinderten Angehörigen bedeutet.

Viele glauben leider bis heute, dass es mit "dreimal füttern, dreimal wickeln, zweimal waschen" getan ist - dabei könnte das von der Wahrheit nicht weiter entfernt sein.

Natürlich besteht ein Teil meiner Arbeit aus genau diesen Dingen. Füttern, wickeln, waschen. Das ist die Grundlage.

Und dann beginnen die Dinge, die kaum jemand wahrnimmt.

Wie eine Mutter ihre kleinen Kinder morgens für die Schule oder den Kindergarten fertig macht, mache ich meinen Bruder für die Tagesförderstätte fertig; mit dem Unterschied, dass mein Bruder niemals lernen wird, sich selbst anzuziehen und mir dabei nicht einmal helfen kann - und wir reden hier von einem ausgewachsenen Mann, der etwa 90 Kilo wiegt und unter Muskelspasmen leidet.

Dabei möchte er mir helfen. Woran ich das sehe? Er reicht mir die linke Hand, wenn ich über ihn greife, um ihm sein Oberteil anzuziehen. Immer. Sehr bewusst. Aber mehr kann er nicht tun.

Dann hebe ich ihn in den Rollstuhl. Allein. Ja, ich KÖNNTE mir eine Hebebühne besorgen, nur brauche ich für einen Deckenlifter das Einverständnis meines Vermieters und die Hebehilfen, die für sich selbst stehen, nehmen das halbe Zimmer in Größe ein. Solange ich es also kann, mache ich es ohne Hilfe.

Dann wird er von einem Fahrdienst abgeholt. So unfassbar lieb und nett die Fahrer in den letzten Jahren auch waren, ich lasse meinen Bruder nur mit Bauchschmerzen gehen.

Warum?

Weil er se*uell missbraucht wurde. Von einem seiner Busfahrer. Dieser war einschlägig vorbestraft und wurde von der SCHULBEHÖRDE dennoch eingestellt. Dieser Vorfall hat meine Abneigung gegen "offizielle" Hilfen begründet, die eine von vielen Gründen ist, warum ich meinen Bruder pflege.

Jedenfalls verbringt mein Bruder 4 Tage die Woche 4 - 8 Stunden in der Tagesförderstätte. Mittwochs bleibt er aus gesundheitlichen Gründen zu Hause.

Diese Zeit, und das begreift bis heute niemand, nicht einmal die Ämter, sind mein FEIERABEND.

Ja, am Vormittag. Und ja, ich muss diese Zeit sehr häufig für Besorgungen diverser Art, Arzttermine und ähnliche Dinge nutzen. Auch Telefonate und Papierkram kann ich nur in dieser Zeit erledigen, weil unsere Welt nun einmal auf den Vormittag getaktet ist.

Dennoch ist es mein Feierabend. Die einzige Zeit am Tag, an der ich keine Aufsichtspflicht habe und mich halbwegs frei bewegen, oder dringend benötigten Schlaf nachholen kann

Halbwegs, weil ich auch in dieser Zeit auf Abruf bin. Es könnte immer etwas sein. Mein Bruder war lange Jahre schwer epileptisch und auch in Tagesförderstätten passieren Unfälle. Mein Bruder z.B. ist einmal aus dem Rollstuhl gefallen. Sein Knie hat sich davon nie erholt.

Am Nachmittag kommt mein Bruder zurück in meine Obhut, wo er bis zum nächsten Morgen verbleibt. Ich kümmere mich um ihn, achte auf seine Geräusche, lagere ihn um, sorge im Sommer für Abkühlung und im Winter für ausreichend Wärme, beschäftige mich mit ihm, spreche mit ihm. Natürlich nicht jede Minute, aber immer wieder und ständig.

Ja, ich rede am Abend über das Internet mit Freunden, aber sobald mein Bruder nach Aufmerksamkeit verlangt, springe ich.

Wenn er nicht schläft, was durch seine Schmerzen und seine neurologischen Schwierigkeiten recht häufig vorkommt, schlafe ich nicht. Und wenn, dann mit offener Tür und offenem Ohr.

Neben all diesen Dingen führe ich einen Haushalt für zwei Menschen, von denen einer inkontinent ist, was einen deutlichen Mehraufwand an Dreckwäsche bedeutet. Ich koche für zwei Leute, ich kaufe für zwei Leute ein, ich putze für zwei Leute, ich bringe den Müll von gefühlt 5 Leuten raus, weil nasse Windeln wirklich viel wiegen; wenn der Restmüllcontainer nicht zu voll ist und ich zusehen muss, dass ich mir im Sommer keine Fliegenplage ranzüchte.

Das war es aber immer noch nicht.

Hinzu kommt die medizinische Verantwortung.

Ich habe inzwischen von mehreren Leuten, die mich nicht kennen, die Vermutung gehört, dass ich ausgebildete Krankenschwester bin.

Bin ich nicht.

Ich habe einen Realschulabschluss und auch den nur auf dem zweiten Bildungsweg. Dennoch kann ich mich mit jedem Arzt auf Augenhöhe über seine Behandlung unterhalten, kann jeden Arztbrief dechiffrieren, achte auf Wechselwirkungen bei Medikamenten und deren kombinierte Nebenwirkungen und so weiter. Weil ich mich belese. Ich meiner "Freizeit". Immer wieder von Neuem, weil die Medizin sich ständig weiterentwickelt.

Und ich bekomme schwere Betäubungsmittel (Fentanyl & Morphin) für meinen Bruder ausgehändigt und verabreiche sie auch.

Trotzdem kämpfe ich oft (nicht immer, es gibt Ausnahmen) mit den Vorurteilen der "hysterischen Helikopter-Schwester" und werde von Ärzten oder ähnlichem Personal abgewimmelt oder von Oben herab behandelt - während mein Bruder im Krankenhaus liegt und man ihm sein Essen hinstellt und sich wundert, dass er seit drei Tagen nichts gegessen hat, obwohl in meiner eigens geschriebenen Pflegeanleitung dick unterstrichen steht, dass er gefüttert werden muss.

Alles schon passiert.

Kurz erwähnt sei auch die "Mental Load" der Dauerverantwortung, die zu Burnouts und Depressionen führen kann, das wird später noch wichtig.

Dann all die Anträge an die Pflege- und Krankenkasse. Neuer Rollstuhl, Duschstuhl, neues Pflegebett. Passiert natürlich nicht täglich, kann sich aber teilweise über Monate bis Jahre hinziehen, bis alle Widersprüche eingereicht, die Bewilligung durch und die Sanitätshäuser fertig mit ihrer Arbeit sind, wobei ich bei Letzterem ebenfalls bei jedem Arbeitsschritt dabei bin, um sicherzustellen, dass der angefertigte Gegenstand meinem Bruder auch wirklich die Hilfe bietet, die er braucht.

Jedes Jahr muss ich dem Amtsgericht einen genauen Bericht über meine Finanzen schicken. Ich muss zwei Konten führen, damit ich nachweisen kann, das ich das Geld meines Bruders auch zum größten Teil für ihn verwende; weil das Pflegegeld bis heute nicht als Lohn für pflegende Angehörige gilt.

Wir machen all diese Arbeit, auf dem Papier, unentgeldlich.

Und in der Realität?

Habe ich, großzügig gerechnet, einen Stundenlohn von etwa 3,50€.

Wenn ich 10 Stunden Schlaf pro Tag mit einbeziehe, die nahezu nie so vorkommen, sind wir bei 7€ die Stunde. Das sind 6,90€ die Stunde weniger als der Mindestlohn.

Und da habe ich Bürgergeld und Grundsicherung mit reingerechnet.

Für einen Job, bei dem ich 24/7 auf Abruf bin.

Selbst, wenn ich die Zeit, die mein Bruder in der Tagesförderstätte ist und 10 Stunden Schlaf am Tag anrechne (von mir aus 8 Stunden Schlaf und 2 Stunden Freizeit, ich bin ja nicht jede Sekunde bei meinem Bruder), kämen wir im Übrigen auf eine Arbeitswoche von 72 Stunden. Wir kratzen also an der von Bundeskanzler Merz gewünschten 73,5 Stunden-Woche.

Seit Jahren.

Ohne regulären Lohn.

Denn würden wir Mindestlohn bekommen, bekäme jemand wie ich in etwa 4.000€ im Monat.

Wir haben aber, Pflegegeld, Bürgergeld und Grundsicherung zusammengerechnet, lediglich ein Einkommen von 2.100€, also um die Hälfte weniger.

Natürlich hinkt die Rechnung. Unsere Miete (2-Zimmer, Sozialwohnung, 530€ warm, ohne Strom) wird vom Amt übernommen. Die Tagesförderstätte meines Bruders wird vom Staat bezahlt. Große Dinge wie Rollstuhl oder Pflegebett bezahlt die Pflegekasse. Große Teile der Medikamente meines Bruders werden übernommen. Die Pflegekasse zahlt meine Rentenbeiträge. Wir sind gesetzlich krankenversichert und zahlen keinen Cent dafür.

Das weiß ich alles. Ich habe mich bisher auch nur darüber beklagt, dass man es uns verwaltungstechnisch unnötig schwer macht und das Pflegegeld zumindest an die Inflation angepasst werden sollte.

Aber mit der nun geplanten Pflegereform unter Merz' Regierung, droht das GESAMTE Pflegesystem Deutschlands zusammenzubrechen.

Das Entlastungsbudget (3.500€ im Jahr) wird abgeschafft. Von diesem Geld konnte ich hin- und wieder eine Bekannte engagieren, die meinen Bruder schon lange kennt, und mir so ein paar freie Tage im Jahr verschaffen. Zwar scheue ich vor anerkannten Kurzzeitpflegeeinrichtungen zurück, aber selbst, wenn ich das nicht täte: Es gibt keine Plätze. Jetzt schon nicht.

Das abgeschaffte Entlastungsbudget wird umgewandelt. Das bisherige Pflegegeld soll abgeschafft werden und durch ein neues, leicht erhöhtes, monatliches Entlastungsbudget ersetzt werden.

1.079€.

Klingt ja erstmal gut. Bis man zwischen den Zeilen liest.

Die monatlichen Sachleistungen werden ersatzlos gestrichen. Heißt, ich muss Bettunterlagen, Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel und dergleichen selbst bezahlen – hinzukommend zu den Medikamenten, die ich ohnehin schon selbst bezahlen muss, weil sie nicht übernommen werden. Im Fall meines Bruders sind das Klistiere, Lactulose, andere, abführende und entblähende Medikamente, sowie besondere Cremes und Ähnliches, um Dekubiti vorzubeugen, was sich, im Schnitt, auf über 100€ im Monat beläuft.

Das ursprüngliche Entlastungsbudget (Verhinderungs- und Kurzzeitpflege) fällt weg und die Budgets, die es ersetzen sollen, sind zum Einen niedriger und dürfen nur noch für anerkannte Pflegeerleichterungen (gastweise Unterbringung in Heimen, Pflegedienste) genutzt werden, nicht mehr für Privatpersonen. Und wie gesagt: Es gibt nahezu keine Plätze. Und Pflegedienste sind UNGLEICH teurer als die liebe Nachbarin, die man seit Jahren kennt.

Hinzukommend werden die Rentenbeiträge von pflegenden Angehörigen um 30% gekürzt. Meine Rente sah nie besonders gut aus, ich hätte, grob geschätzt, 1.000€ Rente bekommen. Das wird sich nun in den dreistelligen Bereich reduzieren, was bedeutet, dass ich mein Leben lang, auch im Alter, auf Sozialleistungen angewiesen sein werde – denn ich werde meinen Bruder nicht weggeben.

Wie auch 86% (!) Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland, wird er weiter Zuhause versorgt.

Mehr als drei Viertel aller Pflegebedürftigen in unserem Land werden von Angehörigen gepflegt. Davon sind im Übrigen über eine Million Fälle, die nicht über 65 Jahre alt sind und deren Pflegebedürftigkeit nicht auf ihr Alter zurückzuführen ist; und die voraussichtlich ihr Leben lang pflegebedürftig bleiben.

Wenn diese Pflegereform so kommt, wie sie im derzeitigen Referentenentwurf geplant ist, werden viele ihre Angehörigen in Heime geben MÜSSEN, weil sie sich ihr Leben sonst einfach nicht mehr leisten können. Für diese Pflegebedürftigen gibt es aber bei Weitem weder genug Plätze, noch genug Personal, um sie zu versorgen.

Aber einmal angenommen, man bekäme diese Menschen noch irgendwo untergebracht.

Die dann wieder "freien" Angehörigen werden in vielen Fällen nicht einfach wieder in Vollzeit arbeiten. Viele dieser Menschen haben große Lücken im Lebenslauf, was sich schwerwiegend auf den Bewerbungsprozess auswirkt. Noch mehr von ihnen sind von der Angehörigenpflege schlicht kaputt. Psychisch und/oder körperlich. Diese Menschen werden zum Teil gar nicht mehr oder nur bedingt arbeitsfähig sein.

Oder, auch wenn diese Fälle vermutlich seltener sind, haben diese Menschen teilweise gar keine Ausbildung, weil sie in jungen Jahren mit der Angehörigenpflege angefangen haben. Allein 13% der pflegenden Angehörigen sind nachweislich zwischen 16 und 39 Jahren alt. Und findet mal mit Anfang 30 heutzutage noch einen Ausbildungsplatz.

Der Rest bewegt sich überwiegend im Alter über 50 und wird ohnehin nicht mehr lange arbeiten können – wenn überhaupt.

Ja, der Staat spart durch die Reform vermutlich etwas Geld ein. Aber er bekommt sonst kaum einen Mehrwert. Das ohnehin am Limit arbeitende Pflegesystem wird weiter belastet, während neue Arbeitskräfte nur sehr bedingt dadurch entstehen.

Und die Leidtragenden sind jene, die wir zu beschützen versprochen haben.

Unsere Mütter und Väter. Unsere Brüder und Schwestern. Unsere Söhne und Töchter.

Die Menschen, die nicht mehr für sich selbst sorgen können, egal aus welchen Gründen, und auf Hilfe und Mitgefühl angewiesen sind, sind die Leidtragenden dieser Reform.

Wir, die Menschen, die 86% aller Pflegebedürftigen in Deutschland – auf dem Papier – unentgeltlich versorgen und so unser Pflegesystem seit Jahren mittragen, haben weder Lobby noch Energie noch Zeit, um für unsere und die Rechte unserer Pfleglinge zu kämpfen.

Das ist aber kein Grund, uns ein derart großes Messer in den Rücken zu stechen.

Ich weiß, dass Deutschland Geld braucht.

Ich weiß, dass die Pflegeversicherung unter finanziellem Druck steht. Ich weiß, dass die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und dass schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen.

Aber ich bin fest davon überzeugt, dass dies der falsche Weg ist.

Denn diese Reform spart nicht dort, wo Probleme entstehen. Sie spart bei den Menschen, die das Pflegesystem seit Jahren mittragen. Bei den Angehörigen, die nachts aufstehen, Medikamente verabreichen, Arzttermine organisieren, Anträge schreiben, ihre Erwerbstätigkeit einschränken und oft ihre eigene Gesundheit für die Versorgung eines geliebten Menschen opfern.

Man kann über die Finanzierung der Pflegeversicherung diskutieren. Man kann über Beiträge, Steuern und Prioritäten streiten.

Was man aber nicht tun sollte, ist die häusliche Pflege weiter zu schwächen, obwohl sie bereits heute den größten Teil der Versorgung in Deutschland übernimmt.

Denn wenn Angehörige ihre Pflegebedürftigen nicht mehr zuhause versorgen können, verschwinden diese Menschen nicht. Sie brauchen weiterhin Hilfe. Nur dann muss jemand anderes sie leisten – in einem System, das schon heute unter Personalmangel, Zeitdruck und fehlenden Kapazitäten leidet.

Deshalb glaube ich nicht, dass diese Reform ein Problem löst.

Ich glaube, sie verschiebt es nur. Und macht es dabei größer.

Gezeichnet,

Eine von Vielen

reddit.com
u/Busy_Emphasis_9295 — 2 months ago
▲ 188 r/Sozialstaat+2 crossposts

Die neue Pflegereform zerstört unser bröckelndes Pflege- und Sozialsystem endgültig

Ich bin eine pflegende Angehörige.

Ich pflege zwei Menschen. Zum Einen meine Mutter (PG2), die sich über knapp 30 Jahre lang im wahrsten Sinne des Wortes kaputt gearbeitet hat, indem sie meinen Bruder (PG5) seit seiner Geburt gepflegt hat.

Diese Pflege habe ich vor 9 Jahren übernommen. Da war ich 27 Jahre alt und mir war vollends bewusst, was ich mir dadurch aufbürde, weil ich mit meinem Bruder aufgewachsen bin und ihn seit seiner Geburt kenne. Mir war klar, dass ich, solange ich ihn pflege, nie wieder ein wirklich freies Wochenende oder echten Urlaub haben werde. Dass ich dadurch nicht reich werde, sondern mich eher etwas überhalb der Armutsgrenze bewege. Dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass ich einen Partner finde, der diese Art zu leben respekt- und akzeptieren kann. Dass die Chancen, dass ich eine eigene Familie gründe extrem gering sind. Dass meine Rente lächerlich klein ausfallen wird.

All das habe ich, zu Teilen sogar billigend, in Kauf genommen, um meinem Bruder, der komplett auf fremde Hilfe angewiesen ist und sich nicht veräußern kann, ein angenehmes, würdevolles und so selbstbestimmtes Leben wie möglich zu bieten; und ihn aus dem staatlichen Pflegesystem rauszuhalten, in dem er durch Unterbesetzung, Überarbeitung und Sparmaßnahmen nicht die individuelle Betreuung bekäme, die notwendig ist, um für sein körperliches UND seelisches Wohl zu sorgen.

Um wirklich zu verstehen, was diese angekündigte Pflegereform anrichtet, muss ich einmal verdeutlichen, was die Pflege eines so schwer behinderten Angehörigen bedeutet.

Viele glauben leider bis heute, dass es mit "dreimal füttern, dreimal wickeln, zweimal waschen" getan ist - dabei könnte das von der Wahrheit nicht weiter entfernt sein.

Natürlich besteht ein Teil meiner Arbeit aus genau diesen Dingen. Füttern, wickeln, waschen. Das ist die Grundlage.

Und dann beginnen die Dinge, die kaum jemand wahrnimmt.

Wie eine Mutter ihre kleinen Kinder morgens für die Schule oder den Kindergarten fertig macht, mache ich meinen Bruder für die Tagesförderstätte fertig; mit dem Unterschied, dass mein Bruder niemals lernen wird, sich selbst anzuziehen und mir dabei nicht einmal helfen kann - und wir reden hier von einem ausgewachsenen Mann, der etwa 90 Kilo wiegt und unter Muskelspasmen leidet.

Dabei möchte er mir helfen. Woran ich das sehe? Er reicht mir die linke Hand, wenn ich über ihn greife, um ihm sein Oberteil anzuziehen. Immer. Sehr bewusst. Aber mehr kann er nicht tun.

Dann hebe ich ihn in den Rollstuhl. Allein. Ja, ich KÖNNTE mir eine Hebebühne besorgen, nur brauche ich für einen Deckenlifter das Einverständnis meines Vermieters und die Hebehilfen, die für sich selbst stehen, nehmen das halbe Zimmer in Größe ein. Solange ich es also kann, mache ich es ohne Hilfe.

Dann wird er von einem Fahrdienst abgeholt. So unfassbar lieb und nett die Fahrer in den letzten Jahren auch waren, ich lasse meinen Bruder nur mit Bauchschmerzen gehen.

Warum?

Weil er se*uell missbraucht wurde. Von einem seiner Busfahrer. Dieser war einschlägig vorbestraft und wurde von der SCHULBEHÖRDE dennoch eingestellt. Dieser Vorfall hat meine Abneigung gegen "offizielle" Hilfen begründet, die eine von vielen Gründen ist, warum ich meinen Bruder pflege.

Jedenfalls verbringt mein Bruder 4 Tage die Woche 4 - 8 Stunden in der Tagesförderstätte. Mittwochs bleibt er aus gesundheitlichen Gründen zu Hause.

Diese Zeit, und das begreift bis heute niemand, nicht einmal die Ämter, sind mein FEIERABEND.

Ja, am Vormittag. Und ja, ich muss diese Zeit sehr häufig für Besorgungen diverser Art, Arzttermine und ähnliche Dinge nutzen. Auch Telefonate und Papierkram kann ich nur in dieser Zeit erledigen, weil unsere Welt nun einmal auf den Vormittag getaktet ist.

Dennoch ist es mein Feierabend. Die einzige Zeit am Tag, an der ich keine Aufsichtspflicht habe und mich halbwegs frei bewegen, oder dringend benötigten Schlaf nachholen kann

Halbwegs, weil ich auch in dieser Zeit auf Abruf bin. Es könnte immer etwas sein. Mein Bruder war lange Jahre schwer epileptisch und auch in Tagesförderstätten passieren Unfälle. Mein Bruder z.B. ist einmal aus dem Rollstuhl gefallen. Sein Knie hat sich davon nie erholt.

Am Nachmittag kommt mein Bruder zurück in meine Obhut, wo er bis zum nächsten Morgen verbleibt. Ich kümmere mich um ihn, achte auf seine Geräusche, lagere ihn um, sorge im Sommer für Abkühlung und im Winter für ausreichend Wärme, beschäftige mich mit ihm, spreche mit ihm. Natürlich nicht jede Minute, aber immer wieder und ständig.

Ja, ich rede am Abend über das Internet mit Freunden, aber sobald mein Bruder nach Aufmerksamkeit verlangt, springe ich.

Wenn er nicht schläft, was durch seine Schmerzen und seine neurologischen Schwierigkeiten recht häufig vorkommt, schlafe ich nicht. Und wenn, dann mit offener Tür und offenem Ohr.

Neben all diesen Dingen führe ich einen Haushalt für zwei Menschen, von denen einer inkontinent ist, was einen deutlichen Mehraufwand an Dreckwäsche bedeutet. Ich koche für zwei Leute, ich kaufe für zwei Leute ein, ich putze für zwei Leute, ich bringe den Müll von gefühlt 5 Leuten raus, weil nasse Windeln wirklich viel wiegen; wenn der Restmüllcontainer nicht zu voll ist und ich zusehen muss, dass ich mir im Sommer keine Fliegenplage ranzüchte.

Das war es aber immer noch nicht.

Hinzu kommt die medizinische Verantwortung.

Ich habe inzwischen von mehreren Leuten, die mich nicht kennen, die Vermutung gehört, dass ich ausgebildete Krankenschwester bin.

Bin ich nicht.

Ich habe einen Realschulabschluss und auch den nur auf dem zweiten Bildungsweg. Dennoch kann ich mich mit jedem Arzt auf Augenhöhe über seine Behandlung unterhalten, kann jeden Arztbrief dechiffrieren, achte auf Wechselwirkungen bei Medikamenten und deren kombinierte Nebenwirkungen und so weiter. Weil ich mich belese. Ich meiner "Freizeit". Immer wieder von Neuem, weil die Medizin sich ständig weiterentwickelt.

Und ich bekomme schwere Betäubungsmittel (Fentanyl & Morphin) für meinen Bruder ausgehändigt und verabreiche sie auch.

Trotzdem kämpfe ich oft (nicht immer, es gibt Ausnahmen) mit den Vorurteilen der "hysterischen Helikopter-Schwester" und werde von Ärzten oder ähnlichem Personal abgewimmelt oder von Oben herab behandelt - während mein Bruder im Krankenhaus liegt und man ihm sein Essen hinstellt und sich wundert, dass er seit drei Tagen nichts gegessen hat, obwohl in meiner eigens geschriebenen Pflegeanleitung dick unterstrichen steht, dass er gefüttert werden muss.

Alles schon passiert.

Kurz erwähnt sei auch die "Mental Load" der Dauerverantwortung, die zu Burnouts und Depressionen führen kann, das wird später noch wichtig.

Dann all die Anträge an die Pflege- und Krankenkasse. Neuer Rollstuhl, Duschstuhl, neues Pflegebett. Passiert natürlich nicht täglich, kann sich aber teilweise über Monate bis Jahre hinziehen, bis alle Widersprüche eingereicht, die Bewilligung durch und die Sanitätshäuser fertig mit ihrer Arbeit sind, wobei ich bei Letzterem ebenfalls bei jedem Arbeitsschritt dabei bin, um sicherzustellen, dass der angefertigte Gegenstand meinem Bruder auch wirklich die Hilfe bietet, die er braucht.

Jedes Jahr muss ich dem Amtsgericht einen genauen Bericht über meine Finanzen schicken. Ich muss zwei Konten führen, damit ich nachweisen kann, das ich das Geld meines Bruders auch zum größten Teil für ihn verwende; weil das Pflegegeld bis heute nicht als Lohn für pflegende Angehörige gilt.

Wir machen all diese Arbeit, auf dem Papier, unentgeldlich.

Und in der Realität?

Habe ich, großzügig gerechnet, einen Stundenlohn von etwa 3,50€.

Wenn ich 10 Stunden Schlaf pro Tag mit einbeziehe, die nahezu nie so vorkommen, sind wir bei 7€ die Stunde. Das sind 6,90€ die Stunde weniger als der Mindestlohn.

Und da habe ich Bürgergeld und Grundsicherung mit reingerechnet.

Für einen Job, bei dem ich 24/7 auf Abruf bin.

Selbst, wenn ich die Zeit, die mein Bruder in der Tagesförderstätte ist und 10 Stunden Schlaf am Tag anrechne (von mir aus 8 Stunden Schlaf und 2 Stunden Freizeit, ich bin ja nicht jede Sekunde bei meinem Bruder), kämen wir im Übrigen auf eine Arbeitswoche von 72 Stunden. Wir kratzen also an der von Bundeskanzler Merz gewünschten 73,5 Stunden-Woche.

Seit Jahren.

Ohne regulären Lohn.

Denn würden wir Mindestlohn bekommen, bekäme jemand wie ich in etwa 4.000€ im Monat.

Wir haben aber, Pflegegeld, Bürgergeld und Grundsicherung zusammengerechnet, lediglich ein Einkommen von 2.100€, also um die Hälfte weniger.

Natürlich hinkt die Rechnung. Unsere Miete (2-Zimmer, Sozialwohnung, 530€ warm, ohne Strom) wird vom Amt übernommen. Die Tagesförderstätte meines Bruders wird vom Staat bezahlt. Große Dinge wie Rollstuhl oder Pflegebett bezahlt die Pflegekasse. Große Teile der Medikamente meines Bruders werden übernommen. Die Pflegekasse zahlt meine Rentenbeiträge. Wir sind gesetzlich krankenversichert und zahlen keinen Cent dafür.

Das weiß ich alles. Ich habe mich bisher auch nur darüber beklagt, dass man es uns verwaltungstechnisch unnötig schwer macht und das Pflegegeld zumindest an die Inflation angepasst werden sollte.

Aber mit der nun geplanten Pflegereform unter Merz' Regierung, droht das GESAMTE Pflegesystem Deutschlands zusammenzubrechen.

Das Entlastungsbudget (3.500€ im Jahr) wird abgeschafft. Von diesem Geld konnte ich hin- und wieder eine Bekannte engagieren, die meinen Bruder schon lange kennt, und mir so ein paar freie Tage im Jahr verschaffen. Zwar scheue ich vor anerkannten Kurzzeitpflegeeinrichtungen zurück, aber selbst, wenn ich das nicht täte: Es gibt keine Plätze. Jetzt schon nicht.

Das abgeschaffte Entlastungsbudget wird umgewandelt. Das bisherige Pflegegeld soll abgeschafft werden und durch ein neues, leicht erhöhtes, monatliches Entlastungsbudget ersetzt werden.

1.079€.

Klingt ja erstmal gut. Bis man zwischen den Zeilen liest.

Die monatlichen Sachleistungen werden ersatzlos gestrichen. Heißt, ich muss Bettunterlagen, Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel und dergleichen selbst bezahlen – hinzukommend zu den Medikamenten, die ich ohnehin schon selbst bezahlen muss, weil sie nicht übernommen werden. Im Fall meines Bruders sind das Klistiere, Lactulose, andere, abführende und entblähende Medikamente, sowie besondere Cremes und Ähnliches, um Dekubiti vorzubeugen, was sich, im Schnitt, auf über 100€ im Monat beläuft.

Das ursprüngliche Entlastungsbudget (Verhinderungs- und Kurzzeitpflege) fällt weg und die Budgets, die es ersetzen sollen, sind zum Einen niedriger und dürfen nur noch für anerkannte Pflegeerleichterungen (gastweise Unterbringung in Heimen, Pflegedienste) genutzt werden, nicht mehr für Privatpersonen. Und wie gesagt: Es gibt nahezu keine Plätze. Und Pflegedienste sind UNGLEICH teurer als die liebe Nachbarin, die man seit Jahren kennt.

Hinzukommend werden die Rentenbeiträge von pflegenden Angehörigen um 30% gekürzt. Meine Rente sah nie besonders gut aus, ich hätte, grob geschätzt, 1.000€ Rente bekommen. Das wird sich nun in den dreistelligen Bereich reduzieren, was bedeutet, dass ich mein Leben lang, auch im Alter, auf Sozialleistungen angewiesen sein werde – denn ich werde meinen Bruder nicht weggeben.

Wie auch 86% (!) Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland, wird er weiter Zuhause versorgt.

Mehr als drei Viertel aller Pflegebedürftigen in unserem Land werden von Angehörigen gepflegt. Davon sind im Übrigen über eine Million Fälle, die nicht über 65 Jahre alt sind und deren Pflegebedürftigkeit nicht auf ihr Alter zurückzuführen ist; und die voraussichtlich ihr Leben lang pflegebedürftig bleiben.

Wenn diese Pflegereform so kommt, wie sie im derzeitigen Referentenentwurf geplant ist, werden viele ihre Angehörigen in Heime geben MÜSSEN, weil sie sich ihr Leben sonst einfach nicht mehr leisten können. Für diese Pflegebedürftigen gibt es aber bei Weitem weder genug Plätze, noch genug Personal, um sie zu versorgen.

Aber einmal angenommen, man bekäme diese Menschen noch irgendwo untergebracht.

Die dann wieder "freien" Angehörigen werden in vielen Fällen nicht einfach wieder in Vollzeit arbeiten. Viele dieser Menschen haben große Lücken im Lebenslauf, was sich schwerwiegend auf den Bewerbungsprozess auswirkt. Noch mehr von ihnen sind von der Angehörigenpflege schlicht kaputt. Psychisch und/oder körperlich. Diese Menschen werden zum Teil gar nicht mehr oder nur bedingt arbeitsfähig sein.

Oder, auch wenn diese Fälle vermutlich seltener sind, haben diese Menschen teilweise gar keine Ausbildung, weil sie in jungen Jahren mit der Angehörigenpflege angefangen haben. Allein 13% der pflegenden Angehörigen sind nachweislich zwischen 16 und 39 Jahren alt. Und findet mal mit Anfang 30 heutzutage noch einen Ausbildungsplatz.

Der Rest bewegt sich überwiegend im Alter über 50 und wird ohnehin nicht mehr lange arbeiten können – wenn überhaupt.

Ja, der Staat spart durch die Reform vermutlich etwas Geld ein. Aber er bekommt sonst kaum einen Mehrwert. Das ohnehin am Limit arbeitende Pflegesystem wird weiter belastet, während neue Arbeitskräfte nur sehr bedingt dadurch entstehen.

Und die Leidtragenden sind jene, die wir zu beschützen versprochen haben.

Unsere Mütter und Väter. Unsere Brüder und Schwestern. Unsere Söhne und Töchter.

Die Menschen, die nicht mehr für sich selbst sorgen können, egal aus welchen Gründen, und auf Hilfe und Mitgefühl angewiesen sind, sind die Leidtragenden dieser Reform.

Wir, die Menschen, die 86% aller Pflegebedürftigen in Deutschland – auf dem Papier – unentgeltlich versorgen und so unser Pflegesystem seit Jahren mittragen, haben weder Lobby noch Energie noch Zeit, um für unsere und die Rechte unserer Pfleglinge zu kämpfen.

Das ist aber kein Grund, uns ein derart großes Messer in den Rücken zu stechen.

Ich weiß, dass Deutschland Geld braucht.

Ich weiß, dass die Pflegeversicherung unter finanziellem Druck steht. Ich weiß, dass die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und dass schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen.

Aber ich bin fest davon überzeugt, dass dies der falsche Weg ist.

Denn diese Reform spart nicht dort, wo Probleme entstehen. Sie spart bei den Menschen, die das Pflegesystem seit Jahren mittragen. Bei den Angehörigen, die nachts aufstehen, Medikamente verabreichen, Arzttermine organisieren, Anträge schreiben, ihre Erwerbstätigkeit einschränken und oft ihre eigene Gesundheit für die Versorgung eines geliebten Menschen opfern.

Man kann über die Finanzierung der Pflegeversicherung diskutieren. Man kann über Beiträge, Steuern und Prioritäten streiten.

Was man aber nicht tun sollte, ist die häusliche Pflege weiter zu schwächen, obwohl sie bereits heute den größten Teil der Versorgung in Deutschland übernimmt.

Denn wenn Angehörige ihre Pflegebedürftigen nicht mehr zuhause versorgen können, verschwinden diese Menschen nicht. Sie brauchen weiterhin Hilfe. Nur dann muss jemand anderes sie leisten – in einem System, das schon heute unter Personalmangel, Zeitdruck und fehlenden Kapazitäten leidet.

Deshalb glaube ich nicht, dass diese Reform ein Problem löst.

Ich glaube, sie verschiebt es nur. Und macht es dabei größer.

Gezeichnet,

Eine von Vielen

reddit.com
u/Busy_Emphasis_9295 — 2 months ago

A gift for a whole year

Hey there,

what you see here took me a month of work ... and I hope so much that it wasn't in vain.

My best friend of twenty years is coming to visit me for a week in a few days for his birthday and some vacation, because I live directly at the sea. He lives in another country, so we don't see each other very often. Usually, if at all, once a year.

But we're very close and I love him dearly.

He struggles with his mental health a lot (Depression is a b*tch, I have it too) and especially with expressing his feelings. I can read him quite well, but I'm not always available.

So ... I made this.

It's a 3-liter (roughly 3-quart) jar with Chocolate, Gummy-Burgers and 202 handwritten notes in 4 categories:

"Soul Bandages", blue: Small, loving, comforting, and uplifting messages for bad days.

"Little Chuckles", green: Mostly stupid jokes and puns, but also some Insider-Gags we accumulated over the years

"Nonsensepedia", yellow: Useless but interesting facts - mostly "faith in humanity restored" wholesome.

"Sidequests", red: Small selfcare-tasks, like drinking a glass of water or going for a little walk. A single one gives him the task to buy a little Houseplant, name it and care for it. It's the "biggest" task.

And exactly two pink ones, hidden inside the rest. One just gives me a little wish he has to fulfill, but on the other one, it says: "If you are reading this, you get your own key to my apartment - because you are ALWAYS welcome here."
Just to give him that comforting thought: "If everything goes wrong, I still have a home."

I decorated the glas with foxes, because he loves foxes and simply threw the remaining stickers inside.

Besides the glass, he’s also getting a few other little things - just to show that I know him well and care for him - but the glass is the actual gift.

__________

What do you guys think about this? Is it too much? Too emotional? Or do you think that this gift could sweeten the coming year for him - at least a little bit?

I just want him to feel seen and understood. Even if I'm unavailable at the exact moment he could need me.

So what do you guys say?

u/Busy_Emphasis_9295 — 3 months ago

Ich habe erst überlegt, das hier in r/FragtMaenner zu posten, aber ich glaube, hier ist's besser aufgehoben.

Ich bin weiblich, 36 Jahre alt, nicht die schlankste Person der Welt (arbeite aber stetig dran) und ziemlich "pflegeleicht" als Partnerin. Ich stelle keine Erwartungen an Einkommen, Größe oder sonstigen Schwachsinn, bin loyal und liebevoll, habe viel Humor, lache gern über mich selbst und bin, laut Aussage einiger meiner Freunde, ein ziemlicher "tough cookie", wenn's um die Widrigkeiten des Lebens geht. Ich bin Gamerin und spiele/meistere DnD, bin also ein ziemlicher Kreatiefling (kleiner Scherz ...).

Allerdings pflege ich einen Angehörigen und werde das auch noch machen, bis ich nicht mehr kriechen kann.

Nur scheint Letzteres wirklich jeden Mann, den ich irgendwie kennenlerne, was eh schon selten ist, abzuschrecken.

Ich bin die Einsamkeit aber verdammt leid.

Meine Freunde leben alle quer in Deutschland verteilt und durch die Angehörigenpflege komme ich so gut wie nie aus dem Haus, außer zu Hundespaziergängen, Einkäufen und Terminen - aber ist das wirklich so furchtbar?

Ich habe oft das Gefühl, dass potenziell interessierte Männer die Befürchtung haben, sie würden von mir mit in die Verantwortung, die ich trage, gezogen werden, das ist aber kompletter Unsinn.

Ich mein', natürlich würd' ich mich freuen, wenn der Partner in einer (länger anhaltenden) Beziehung vielleicht mal sagt "Hey, bleib' sitzen, ich füttere deinen Pflegling eben" oder sowas, aber ERWARTEN tue ich das nicht.

Ich will ja nicht mal in der gleichen Wohnung leben. Fußläufig erreichbar extrem gerne, wäre meine Idealvorstellung (kein Muss, Hauptsache, man sieht sich problemlos öfter), aber jeder soll seinen eigenen Rückzugsort haben, keiner soll vom Anderen in irgendeiner Weise abhängig sein. Außerdem, ist mein Erfahrungswert, bleibt eine Beziehung länger "interessant", wenn man nicht in der gleichen Wohnung wohnt. Kleine Dinge wie Dateabende bleiben länger besonders und man streitet sich weniger.

Ich bin nun seit einigen Jahren wieder Single und seid geraumer Zeit "aktiv" auf der Suche. Heißt, ich bin darum bemüht, auf diversen Wegen neue Bekanntschaften zu schließen, um meine Fühler auszustrecken. Naiverweise habe ich gedacht, bei der Pandemie männlicher Einsamkeit wird es nicht all zu schwer, einen lieben Kerl zu finden mit dem man gemeinsam durch's Leben geht, aber ich habe relativ schnell begriffen, dass das eine Fehleinschätzung war.

Ich will doch einfach nicht mehr alleine sein ... ich will mich abends doch einfach Mal in die Arme eines lieben Menschen fallen lassen, der mir sagt, dass ich für den Moment nicht mehr stark sein muss. Ich will mich auch mal um jemanden kümmern, der "Danke" sagen kann (mein Pflegling ist non-verbal) oder den Gefallen erwidert.

Ich habe bis auf meinen Pflegling nur noch meine Mutter, die auch sehr krank ist und vermutlich nicht mehr allzu lange leben wird. Danach bin ich komplett allein ... und das macht mir Angst.

Ich weiß, dass ein Redditpost dieses Problem nicht lösen wird, ich wollte mir aber einfach mal Luft machen.

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u/Busy_Emphasis_9295 — 4 months ago