Armut wird in Deutschland dramatisiert
Ich bin selbst ziemlich arm aufgewachsen. Kleidung kam teilweise von der Caritas, wir lebten in einem Problemviertel im Plattenbau und Geld für Urlaub, neue Fahrräder oder viel Spielzeug gab es nicht. Das war ungefähr zehn Jahre nach der Wende.
Trotzdem habe ich meine Kindheit nie als schlimm oder besonders entbehrungsreich empfunden. Bei uns hatten die meisten Familien wenig Geld. Fast alle wohnten im Block, die Fahrräder waren gebraucht, die Kleidung teilweise alt und große Urlaube kannte man schlicht nicht. Deshalb hatte man auch nicht ständig das Gefühl, im Vergleich zu allen anderen etwas zu verpassen.
Natürlich muss man dazu sagen, dass grundlegende Dinge vorhanden waren. In Schule oder Kindergarten gab es eine warme Mahlzeit, wir hatten ein Dach über dem Kopf und mussten keine Angst haben, am nächsten Tag nichts zu essen zu bekommen. Im Jugendclub und im Hort gab es N64, alle möglichen Arten von Sport etc
Rückblickend erinnere ich mich sogar sehr positiv an diese Zeit. Der soziale Zusammenhalt im Viertel war stark. Man kann das schwer beschreiben, aber als Kind hatte ich weder große Sorgen noch ständig das Gefühl: mir fehlt irgendwas.
Aber ich glaube, dass man materielle Armut und ein schlechtes Leben nicht automatisch gleichsetzen sollte. Für ein Kind können Sicherheit, Freunde, Familie, ein funktionierendes Umfeld und gesellschaftliche Teilhabe viel entscheidender sein.
aber vielleicht hat sich Armut auch verändert, bei uns war Kriminalität nie ein großes Thema.